Der Sommerurlaub am Meer ist den Italienern heilig
Der Sommerurlaub am Meer ist den Italienern heilig
Im Vergleich zu Italien sind die deutschen Maßnahmen gegen die Ausbreitung der Coronavirus-Pandemie geradezu harmlos. Denn im Bel Paese steht nicht nur ein Großteil der Wirtschaft still. Auch die Ausgangssperre ist besonders streng, und schon wer nicht auf dem direkten Weg von der Wohnung zum Supermarkt geht, muss mit strengen Strafen rechnen. Parks oder Strände sind abgeriegelt. Die Zahl der Infizierten und der Todesfälle ist noch immer erschreckend hoch – auch wenn sich die Zuwachskurve in den meisten Regionen abgeflacht hat.Warum gerade Italien so stark betroffen ist, ist nicht klar. Schuld sind jedoch nicht die hier lebenden Chinesen. In der Mailänder Chinatown um die Via Paolo Sarpi oder in der chinesisch dominierten Textilindustrie im toskanischen Prato gibt es bisher praktisch keine Infizierten. Die Chinesen dort schlossen ihre Betriebe, Restaurants und Geschäfte schon im Februar, lange vor dem allgemeinen Lockdown in Italien, und begaben sich in Selbstquarantäne. Zu diesem Zeitpunkt versicherte Regierungschef Giuseppe Conte noch, man habe alles im Griff. Sozialistenchef Nicola Zingaretti und Lega-Boss Matteo Salvini forderten ihre Landsleute damals noch dazu auf, ihren Lebensstil nicht zu ändern.Mit einer riesigen Zahl von Dekreten und Pressekonferenzen sorgte Conte anschließend teilweise eher für Verwirrung als für Klarheit, etwa als er zunächst vergaß, darauf hinzuweisen, dass das Einkaufen trotz Ausgangssperre weiter erlaubt ist, oder ständig nachbesserte. Indiskretionen sorgten im Vorfeld der Bekanntgabe neuer Maßnahmen für einen Run auf die Schnellzüge nach Süditalien sowie Fluchtbewegungen von Mailändern und Turinern in ihre Ferienhäuser am Meer oder in die Skigebiete, in denen in der ersten Märzwoche Hochbetrieb herrschte. Dadurch verbreitete sich das Virus noch weiter. Und in einigen Gebieten führten Sorglosigkeit, mangelnde Hygiene sowie die zu späte Abriegelung zu einem regelrechten Massensterben speziell in der älteren Generation, etwa im Val Seriana in der Nähe von Bergamo.Besonders dramatisch ist jedoch das, was in vielen Altersheimen, vor allem in Mailand, geschah. In Häusern wie Pio Albergo Trivulzio oder Don Gnocchi starben insgesamt hunderte von Bewohnern, weil die Regionalregierung der rechtsnationalen Lega dort leicht erkrankte Coronapatienten von anderswo unterbringen ließ. Viele Bewohner wurden dadurch infiziert. Besuchern und Mitarbeitern wurden sogar Mundschutz und andere Sicherheitsmaßnahmen verboten, um die Bewohner “nicht aufzuregen”. Dass nun die Staatsanwaltschaft gegen die Verantwortlichen ermittelt, macht die Dramen nicht mehr ungeschehen und die vielen Toten nicht mehr lebendig. Bei vielen Betroffenen ist die korrekte Todesursache mangels Kontrollmöglichkeiten gar nicht mehr ermittelbar.Eine Taskforce soll nun Szenarien für die “Phase 2”, den Ausstieg aus den Beschränkungen nach dem 4. Mai, erarbeiten. Regierung und Opposition, die Parteien der Regierungskoalition untereinander, Norden und Süden, aber auch Wirtschaft und Gesundheitsverantwortliche streiten über das Wie und Wann. Die Wirtschaft dringt massiv auf eine baldige Lockerung, weil in anderen Ländern häufig fast normal produziert wird und etwa die Mode- oder Möbelbranche fürchten, dass ihre Kunden dauerhaft zur Konkurrenz aus anderen Ländern abwandern.Für besondere Empörung sorgte nun die in Italien ohnehin umstrittene EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen – natürlich eine Deutsche – mit ihrem Rat, lieber keinen Sommerurlaub zu buchen. Denn die Ferien am Strand sind nicht nur für die Italiener unverzichtbarer Teil ihres Lebens. Der Tourismus ist auch für rund drei Millionen Italiener, die in Restaurants, Bars, Hotels, Cafés, Strandbädern und Geschäften arbeiten, die wichtigste und oft einzige Einnahmequelle. Sicherheitsabstände sollen etwa durch mehr Platz zwischen den Liegestühlen gewährleistet werden. Liguriens Regionalpräsident Giovanni Toti hat gerade die Sondererlaubnis gegeben, die Strände nun für die Saison herzurichten. Und die zuständige Staatssekretärin Lorenza Bonaccorsi versichert trotzig: “Wir werden ans Meer gehen.”