Die Belgier und ihre nicht aufgearbeitete Kolonialzeit
Die Belgier und ihre nicht aufgearbeitete Kolonialzeit
Nach dem Tod von George Floyd in den USA haben sich in den vergangenen Wochen auch viele Europäer der “Black lives Matter”-Bewegung und den weltweiten Protesten gegen Rassismus angeschlossen. Aber es gibt wohl kaum ein anderes Land, in dem die Folgen dieser Diskussionen so nachwirken könnten wie in Belgien. Das hat damit zu tun, dass die Auseinandersetzung mit strukturellem Rassismus schnell auch zum Thema Kolonialismus führt. Und hier gibt es in Belgiens Geschichte ein dunkles Kapitel, das nach Einschätzung der meisten Experten im Land noch längst nicht aufgearbeitet wurde. Es geht um Belgiens Wirken im Kongo, vor allem in der Zeit von 1885 bis Anfang des 20. Jahrhunderts, als der Kongo noch Privatbesitz des damaligen belgischen Königs Leopold II. war. Der Ausbeutung des Landes in dieser Zeit sollen bis zu zehn Millionen Menschen zum Opfer gefallen sein. *In wenigen Tagen, genauer: am 30. Juni, feiert die heutige Demokratische Republik Kongo den 60. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit. Auf eine Entschuldigung aus Brüssel für die Gräueltaten aus der Kolonialzeit wartete das Land bisher vergebens. Aber die jüngste Anti-Rassismus-Bewegung hat das Thema jetzt zumindest schon erfolgreich im belgischen Parlament platziert. Eine sogenannte “Wahrheitskommission” soll die Kolonialzeit im Kongo jetzt noch einmal durchleuchten. Darauf haben sich in dieser Woche die Fraktionen verständigt. Dies könnte nun der erste Schritt in Richtung einer Entschuldigung sein. *Eigentlich müsste die neue Kommission nur das bereits vor zehn Jahren erschienene Buch “Kongo – eine Geschichte” des belgischen Autors und Historikers David Van Reybrouck lesen. Die großartig recherchierten und spannend zu lesenden fast 800 Seiten gelten heute als Standardwerk. Leopold II., der von 1865 bis zu seinem Tod 1909 im Brüsseler Schloss Laeken auf dem Thron saß, habe im Kongo ein “Blutbad von unglaublichem Ausmaß” angerichtet, lautete das Fazit Van Reybroucks. Im Stadtbild aller größeren Städte Belgiens spielt Leopold II. trotzdem bis heute noch eine herausragende Rolle. Büsten, Reiterstatuen und Straßen erinnern weiter an den umstrittenen Monarchen. *Ob in Brüssel, Gent, Antwerpen oder Ostende: Überall sind diese Symbole des Kolonialismus in den vergangenen zwei Wochen von Aktivisten beschädigt, zerstört oder zumindest mit roter Farbe bespritzt worden. Zehntausende Belgier haben mittlerweile eine Online-Petition unterzeichnet, die eine landesweite Entfernung aller Statuen von Leopolds II. fordert. Der heutige belgische König Philippe hat sich in der aktuellen Debatte noch nicht zu Wort gemeldet. Nur sein jüngerer Bruder Laurent, der nur selten ein Fettnäpfchen auslässt, hat sich bemüßigt gefühlt, seinen Großonkel zu verteidigen: Leopold II. sei doch selbst nie im Kongo gewesen, argumentierte Laurent. Darum könne er wohl kaum für das Leid der Menschen verantwortlich gemacht werden. *Das Afrika-Museum, das Leopold im Brüsseler Vorort Tervuren hat bauen lassen, hat mit einer umfangreichen Renovierung bereits versucht, sein ursprünglich “rassistisches und prokolonialistisches Image” (Museumschef Guido Gryseels) loszuwerden. Seit der Wiedereröffnung 2019 stehen die vielen umstrittenen Statuen im Keller. Ganz so leicht lassen sich die immer noch vorhandenen rassistischen Strukturen in der Gesellschaft aber nicht abräumen. Die dunkelhäutige EU-Abgeordnete der Grünen, Pierette Herzberger-Fofana, hat noch am Mittwoch im Europaparlament geschildert, wie sie selbst Opfer eines rassistischen Übergriffs von Polizisten am Brüsseler Nordbahnhof wurde. Die frühere Erlanger Stadträtin hatte zuvor mit ihrem Smartphone festhalten wollen, wie die Polizisten auf dem Bahnhof mit zwei schwarzen Jugendlichen umgegangen waren.