KOMMENTAR

Doch nicht so zackig

Für Ökonomen und Marktteilnehmer gibt es gegenwärtig nichts Aufregenderes als ein V-Zeichen. Es steht nicht nur für "Victory" in Sachen Corona-Epidemie-Bekämpfung, sondern vor allem für den grafischen Kurvenverlauf von Wirtschaftsindikatoren, die...

Doch nicht so zackig

Für Ökonomen und Marktteilnehmer gibt es gegenwärtig nichts Aufregenderes als ein V-Zeichen. Es steht nicht nur für “Victory” in Sachen Corona-Epidemie-Bekämpfung, sondern vor allem für den grafischen Kurvenverlauf von Wirtschaftsindikatoren, die nach einem steilen Absturz im Zuge einer raschen Konjunkturerholung genauso steil wieder steigen. China gilt als eine Art Musterkandidat für eine V-förmige Konjunkturerholung. Im anfänglichen Epizentrum der Corona-Epidemie hat man die Covid-19-Erkrankung rascher und überzeugender zurückdrängen können als in den übrigen großen Wirtschaftsnationen.Entsprechend erwartungsvoll schaut man auch darauf, wie flink es gelingen mag, eine hart getroffene Konjunktur wieder von den Coronafesseln zu befreien. Vier Monate nach dem Bekanntwerden der ersten Coronafälle macht sich nun in China etwas Ernüchterung breit. Praktisch zeitgleich mit der Schreckensnachricht, dass in der Hauptstadt Peking eine neue Infektionswelle ausgebrochen zu sein scheint, zeigen neue Konjunkturdaten aus dem Reich der Mitte, dass es in Sachen V-förmiger Erholung noch gewaltig hapert.Als gute Nachricht mag zwar gelten, dass Chinas Industriemotor wieder angeworfen wurde und die Produktion wieder auf Wachstumskurs zurückschwenkt, aber der Erholung auf der Angebotsseite steht keine adäquate Nachfrage gegenüber. Zum Kummer des Exportweltmeisters liegen die ausländischen Warenorders aufgrund der angeschlagenen Weltwirtschaft völlig brach und mit der Binnennachfrage ist es noch nicht so weit her, wie es sich die V-Propheten ausgemalt haben.Chinas Verbraucher shoppen mit angezogener Handbremse, zum einen weil sie sich einer latenten Jobgefährdung gegenüber sehen, zum anderen weil sie noch immer von Ansteckungsängsten gepeinigt sind und sich unter anderem in Einkaufszentren nicht blicken lassen. Sollte sich aus der neuen Ansteckungssituation in Peking tatsächlich eine neuerliche landesweite Ausbreitung des Virus ergeben, wird die Scheu der Verbraucher nur zunehmen.Wenn aber Chinas Erfolge bei der Überwindung der Epidemie nicht einmal im eigenen Land ausreichen, das Konsumvertrauen wieder auf Normalniveau zurückzubringen, wie soll es dann anderweitig in der Welt zu einer raschen Konjunkturerholung kommen? Man darf zwar immer noch hoffen, dass die zweite Jahreshälfte überzeugendere Wirtschaftsdynamik mit sich bringt, aber aus der zackigen V-Erholung wird wohl erst mal nichts.