GASTBEITRAG

Dreifacher Stress in Südostasien

Börsen-Zeitung, 30.4.2020 Die südostasiatischen Volkswirtschaften sind von Sperrmaßnahmen zu Hause, in der Europäischen Union (EU) und in den USA betroffen. Aber: Während die entwickelten Märkte in der EU und den USA noch mit Maßnahmen zur...

Dreifacher Stress in Südostasien

Die südostasiatischen Volkswirtschaften sind von Sperrmaßnahmen zu Hause, in der Europäischen Union (EU) und in den USA betroffen. Aber: Während die entwickelten Märkte in der EU und den USA noch mit Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie kämpfen, arbeiten viele asiatische Volkswirtschaften an ihrer Rückkehr zur Normalität, was sich als schwierig erweist und mit Rückschritten verbunden ist.Die Aussichten für die südostasiatischen Länder sind zweigeteilt. Positiv ist zu sehen, dass die für diese Region sehr wichtige chinesische Produktion wieder angelaufen und Berichten zufolge bereits auf 80 % der Kapazitätsauslastung von 2019 zurückgekommen ist. Selbst Wuhan beendete am 8. April formell eine 76 Tage dauernde Abriegelung. Dies wird jedoch nicht ausreichen, um den Nachfragerückgang aus den für Südostasien wichtigen Exportmärkten in der EU und aus den USA zu kompensieren. Zuversicht stark gebremstKleinere exportorientierte Volkswirtschaften, wie sie in Südostasien vorherrschen, sind von der gegenwärtigen Nachfrageschwäche aus der westlichen Welt besonders stark betroffen. So ist der Anteil der Exporte an diese Handelspartner gemessen an der Wirtschaftsleistung wesentlich größer als beispielsweise in China. Darüber hinaus hat eine Reihe dieser Länder den Scheitelpunkt der Kurve in Bezug auf die Eindämmung noch nicht erreicht, was für die Binnennachfrage ebenfalls nichts Gutes verheißt. Singapur verschärfte nach der Entdeckung eines Infektionsclusters in einem Arbeiterwohnheim die Maßnahmen zur sozialen Distanzierung, während Thailand den Notstand am 27. März ausrief. Die Philippinen gaben diesen Monat bekannt, dass sie im Lockdown bleiben wollen, bis ein Impfstoff verfügbar ist. Coface erwartet, dass eine große Zahl von Unternehmen im exportorientierten Südosten Asiens in den kommenden Monaten mit höheren Risiken umgehen muss. Denn sie haben weiter mit stärkerem inneren und äußeren Gegenwind zu kämpfen. Exporte entscheidendHinweise hierauf geben die Stimmungsindikatoren für die Unternehmenstätigkeit im verarbeitenden Gewerbe. Südostasiatische Länder verzeichneten beim Einkaufsmanagerindex (PMI) die stärksten Rückgänge im März: Vietnam 41,9 (von 49,0 im Vormonat), Thailand 46,7 (49,5), Malaysia 48,4 (48,9) und die Philippinen 39,7 (52,3). Die Skala reicht von 0 bis 100, wobei 50 Punkte das neutrale Niveau darstellen. Somit deuten die Frühindikatoren in Südostasien durch die Bank eine rückläufige Wirtschaftsaktivität an. Diese Verschlechterungen folgten auf den Rückgang des PMI in China im Februar. Obwohl sich Chinas PMI im März unerwartet auf 52,0 erholte (von 35,7 im Februar), dürften die südostasiatischen Volkswirtschaften kurzfristig kaum zu einer ähnlichen Umkehr in der Lage sein.Beim Blick auf die Exporte in die USA und die EU scheinen die großen Volkswirtschaften China, Japan und Indien am stärksten gefährdet zu sein, weil ein großer Anteil ihrer Ausfuhren auf die westlichen Märkte entfällt. Allerdings ergibt sich ein anderes Bild, wenn wir diese Exporte als Prozentsatz des Bruttoinlandsproduktes (BIP) betrachten. Dann sind vielmehr Vietnam, Singapur, Malaysia und Thailand am stärksten vom Rückgang betroffen, weil ihre Exporte nach Europa und Nordamerika einen größeren Teil des BIP ausmachen. Die genauere Betrachtung der Exporte zeigt eine Risikokonzentration in einigen Sektoren: Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT), Energie, Agrar- und Nahrungsmittelwirtschaft, Automobilindustrie und Textil/Bekleidung. Zu den wichtigsten Exportgütern Richtung EU und USA zählten zuletzt elektronische integrierte Schaltungen, Telefonapparate, Motorfahrzeuge, Erdöl, Palmöl, Kautschuk, Flugzeugkomponenten und Kleidung.Viele dieser Sektoren sind nun von den heimischen Eindämmungsmaßnahmen betroffen. Zum Beispiel ist Malaysia ein großer Palmölexporteur, der ein Viertel (24,6 %) des weltweiten Volumens bestreitet. Aber es musste am 24. März den Bundesstaat mit dem größten Palmenanbaugebiet, Sabah, bis auf Weiteres schließen. Als Südkorea eine schnelle Verbreitung des Coronavirus erlebte, verlagerte Samsung Electronics Anfang März vorübergehend einen Teil ihrer Telefonproduktion vom koreanischen Gumi nach Vietnam. Seitdem hat jedoch auch Vietnam strengere Maßnahmen umgesetzt, die soziale Distanz in Hochrisikogebieten umfasst. Dazu zählt die Provinz Bac Ninh, in der einige Fabriken von Samsung liegen. Thailand, Automobilhub der Region und Top-Exporteur von Komponenten, befindet sich nun im Ausnahmezustand, was zu Geschäftsschließungen führte. So hat Honda den Betrieb in zwei Fabriken geschlossen, zunächst bis 30. April. Schließlich wird der Ausfall des Tourismus einige Volkswirtschaften in Südostasien hart treffen, denn Länder wie Thailand, die Philippinen und Indonesien sind stark davon abhängig. Ihr BIP wird zu rund 20 % vom Tourismus getragen. BIP-Prognosen gekapptFür die Region bleiben drei große Risikofelder. Erstens: der Abwärtsdruck auf das Wachstum. Die volle Auswirkung der Coronavirus-Pandemie auf das Wirtschaftswachstum bleibt abhängig von der epidemiologischen Entwicklung, die nach wie vor sehr schwer vorhersehbar ist. Coface hat die BIP-Prognosen für alle Volkswirtschaften in der Region bereits Anfang April nach unten revidiert. Weitere Revisionen sind nicht auszuschließen, da die Situation in den wichtigen Exportländern in der EU und in den USA nach wie vor sehr unsicher ist.Zweitens: Die Corona-Pandemie verschärft die Cash-flow-Risiken der Unternehmen. Nach Angaben des Institute of International Finance (IIF) stiegen die Anleihe- und Kapitalabflüsse aus asiatischen Schwellenländern im März um 19,5 Mrd. Dollar. Dies verschärft die Situation, da sich seit der Finanzkrise 2008/09 laut Moody’s 32 Bill. Dollar an Unternehmensschulden angehäuft haben. Kapitalabflüsse erschweren es Unternehmen, ihre Schulden zu bedienen. Darüber hinaus hat der Bankensektor in den vergangenen Jahren in einer Reihe dieser Volkswirtschaften Anzeichen für eine Verknappung der Interbankenliquidität gezeigt. Dabei litten Vietnam und Thailand 2012 zusätzlich unter Bankenkrisen und haben nur geringe Kapitalpuffer aufgebaut. Trotz der noch nie dagewesenen staatlichen Hilfspakete, die angekündigt wurden und von denen viele auf kleine und mittelgroße Unternehmen (KMU) abzielen, wird eine knappere Liquidität zu vermehrten Insolvenzen in der Region führen.Drittens: Verlagerungen von Lieferketten. Ein Lichtblick ist die zu erwartende Verlagerung der Liefer- und Produktionsketten von China in südostasiatische Länder als Reaktion auf die Pandemie. Dies sollte den Volkswirtschaften zugutekommen, die bereits enge Handelsbeziehungen mit der EU und den USA unterhalten. Kurzfristig ist dies jedoch nicht zu erwarten. Denn derzeit spielen andere Faktoren eine noch größere Rolle: die schwächere Nachfrage seitens der EU und der USA sowie die wirtschaftliche Verlangsamung in China. Evelyne Banh, Volkswirtin für Asien-Pazifik bei Coface