Erholung verschoben
Erholung verschoben
Es sieht für die deutsche Konjunktur ohnehin schon trübe aus. Der Arbeitsmarkt verliert zusehends an Dynamik, was letztlich den Konsum – eine der wichtigsten Wachstumsstützen hierzulande – dämpft. Dem Bau und anderen Branchen sind Grenzen gesetzt durch den Fachkräftemangel. Und die Industrie ist ein Kapitel für sich: Seit sechs Quartalen nun sinkt die Produktion im Quartalsvergleich. Zusätzlich kämpft der wichtigste Wirtschaftszweig, die Automobilbranche, mit strukturellen Problemen. Die Dienstleister halten sich bislang recht wacker, es ist allerdings fraglich, wie lange sie sich noch der Industrieschwäche entgegenstemmen können.Und jetzt zusätzlich das Coronavirus. Als würden die globalen Handelsstreitigkeiten, die weiter drohenden US-Sonderzölle und das mindestens bis Jahresende ungeklärte künftige Verhältnis zu Großbritannien nicht schon genug Ungemach bereiten. Hoffnungen, der Höhepunkt der Epidemie werde Ende Februar erreicht sein, sind passé. Mittlerweile wird eine Stabilisierung der Lage für Ende April erwartet. Das erste Quartal kann man konjunkturell gesehen also getrost abschreiben. Die große Frage ist, ob die erwartete Aufholbewegung noch ausreicht, um das Wirtschaftswachstum nicht komplett abschreiben zu müssen.Schließlich gilt das Coronavirus mittlerweile als Konjunkturrisiko Nummer 1. Egal ob Bundesbank, Europäische Zentralbank, EU-Kommission oder die US-Notenbank Fed – alle Institutionen sorgen sich wegen der wirtschaftlichen Auswirkungen der in China ausgebrochenen Lungenkrankheit Covid-19. Zu Recht, denn das Virus dämpft die (globale) Wirtschaft über verschiedene Wirkungskanäle: chinesische Touristen bleiben aus, Geschäftsreisen und Messen werden abgesagt, die Nachfrage aus dem Reich der Mitte bricht ebenso ein wie das dortige Wirtschaftswachstum, und globale Lieferketten werden unterbrochen. Im Nachgang wird die Investitionstätigkeit der Unternehmen gelähmt. Dies alles wiegt für die hiesige Wirtschaft umso schwerer, als die Volksrepublik der bedeutendste Handelspartner Deutschlands und einer der wichtigsten der EU ist. Zudem ruhen die Hoffnungen der Ökonomen auf einer schnelleren Genesung der chinesischen Wirtschaft. Die aber ist nun verschoben und die erhoffte Erholung des Welthandels damit ebenfalls.Trotz allem darf natürlich nicht die ganze Misere auf das Virus geschoben werden. “Fragil” und “zerbrechlich” sind derzeit häufig genutzte Umschreibungen für die Konjunkturlage in Deutschland – und in diesem Zustand befand sich die heimische Wirtschaft schon vor Ausbruch des Virus. Die Ökonomenzunft war sich schon vor vielen Monaten einig, dass 2020 ein schwieriges Jahr werden würde. Der statistische Überhang – die Veränderungsrate des Bruttoinlandsprodukts (BIP), die sich für 2020 ergäbe, wenn es von Quartal zu Quartal nur noch stagnieren würde – von +0,1 % ist eben kein großer Puffer.Die Konjunktur bleibt zweigeteilt: Der in der Rezession steckenden stark exportorientierten Industrie steht eine noch kräftige Binnennachfrage gegenüber – aber auch hier zeigen sich erste Bremsspuren. Die harten Daten der Industrie strafen die zuletzt verbesserten Stimmungsindikatoren Lügen, wenn auch im Dezember die hohe Zahl an Brückentagen die Entwicklung überzeichnet. Die Aussichten sind trübe, denn die Auftragspolster schmelzen ab, auch mit Blick auf den Export. Zudem wird der Phase-1-Deal mit den USA die chinesische Nachfrage nach Produkten “Made in Germany” absehbar um etliche Milliarden Euro reduzieren. Und auch nach Großbritannien wird bereits seit Jahren weniger exportiert – eine Trendwende steht erst zu erwarten, wenn die künftigen Beziehungen zum Vereinigten Königreich abschließend geklärt sind. Überhaupt sind die anhaltenden Unsicherheitsfaktoren Gift für Investitionen, so dass auch von dieser Seite für 2020 keine großen Sprünge zu erwarten sind. Die Hoffnung ruht insofern auf dem Konsum, der, getragen vom robusten Arbeitsmarkt, einen guten Lauf hat. Allerdings sinkt auch hier die Dynamik, die Zahl offener Stellen ist rückläufig, und die Konsumenten werden allmählich nervös angesichts der konjunkturell bedrohlichen Nachrichtenlage.2020 sollte gleichwohl nicht vorschnell abgeschrieben werden. Es gilt nun aber, Wettbewerbsfähigkeit und Standortqualität in den Blick zu nehmen und auf ein neues Niveau zu heben. Und in die Zukunft zu investieren – die Überschüsse im Staatshaushalt sollten also klüger als bisher eingesetzt werden.——Von Alexandra BaudeAn konjunkturellen Belastungsfaktoren herrscht kein Mangel. Selbst ohne den Coronavirus-Ausbruch wäre 2020 ein schwieriges Jahr.——