NOTIERT IN MADRID

Katalanisches Reality-TV

Der Katalonien-Konflikt hat neben den politischen und gesellschaftlichen Spannungen in Spanien sowie den negativen Auswirkungen auf die Wirtschaft auch einige kuriose Kollateralschäden verursacht. So begann die rekordverdächtige 18. Staffel von "Big...

Katalanisches Reality-TV

Der Katalonien-Konflikt hat neben den politischen und gesellschaftlichen Spannungen in Spanien sowie den negativen Auswirkungen auf die Wirtschaft auch einige kuriose Kollateralschäden verursacht. So begann die rekordverdächtige 18. Staffel von “Big Brother” mit deutlich niedrigeren Einschaltquoten als üblich. Zeppelin, die Produktionsfirma der populären Reality-TV-Show, begründet die Flaute damit, dass viele Zuschauer in den vergangenen Wochen lieber das Drama um den abgesetzten Ministerpräsidenten Kataloniens, Carles Puigdemont, und dessen Mitstreiter im Fernsehen verfolgt hätten. In der Tat bemühen sich die spanischen Sender, vom staatlichen TVE über den Privatkanal La Sexta bis zum katalanischen Regionalsender TV3, um eine beinahe nahtlose Live-Übertragung der Geschehnisse um die Ausrufung der Unabhängigkeit und die folgende Flucht Puigdemonts nach Belgien. Auch Talkshows, die sich sonst eher mit den Leben von Schauspielern, Sängern und anderen Celebrities beschäftigen, verfolgen und diskutieren nun die jüngsten Ereignisse dieser ungewöhnlichen Staatskrise.Puigdemont, früher einmal Bürgermeister der Provinzhauptstadt Girona, ist mittlerweile weit über die Grenzen seiner Heimat bekannt geworden. Zu Halloween hatte die Firma La Casa del Disfraz ein Kostüm des abgesetzten Regierungschefs angeboten, mit dessen charakteristischer Frisur als Perücke, Brille und Anzug mit aufgenähter Unabhängigkeitsflagge. Das Modell “Puig Demon” für 39,99 Euro war schnell vergriffen. Für interessierte Hauskäufer hat die politische Krise einen positiven Nebeneffekt auf die Entwicklung der Immobilienpreise in Barcelona. Diese sind laut Zahlen der Gutachterfirma Tinsa in den vergangenen zwölf Monaten um schwindelerregende 20 % gestiegen. Der Immobilienanbieter Engel & Völkers glaubt nun, dass der Preisanstieg in der katalanischen Hauptstadt auf 4 % zurückgehen könnte.Es gibt nur sehr wenige, die von der Staatskrise und der Ungewissheit vor den von der spanischen Regierung erzwungenen Neuwahlen in der Region am 21. Dezember profitieren. Die Wirtschaft fürchtet anhaltende Auswirkungen, und viele Volkswirte sowie das Wirtschaftsministerium in Madrid haben ihre Wachstumsprognosen für Katalonien und ganz Spanien gesenkt. Der wichtigste Arbeitgeberverband Kataloniens, Foment del Treball, hat vor dem Obersten Gerichtshof der Region Klage gegen einen für den heutigen Mittwoch ausgerufenen Generalstreik mit einem eindeutig politischen Hintergrund eingelegt, der nur von separatistischen Gewerkschaften unterstützt wird.Die Sympathien vieler Unternehmer für eine katalanische Republik haben sich deutlich abgekühlt. Kaum jemand in der Wirtschaft hatte wohl damit gerechnet, dass Puigdemont die Sache bis zur letzten Konsequenz durchziehen würde. So war Foment del Treball eine der Organisationen, die den diplomatischen Propagandadienst der Separatisten, Diplocat, unterstützt hatten, bis dieser ebenfalls von der spanischen Regierung geschlossen wurde. Mehr als 2 000 Firmen haben seit dem illegalen Unabhängigkeitsreferendum vom 1. Oktober ihren Stammsitz in eine Stadt außerhalb Kataloniens verlegt. Eines der wenigen prestigeträchtigen Unternehmen, das vorerst bleibt, ist Freixenet, international bekannter Hersteller von Cava, dem katalanischen Schaumwein. Anders als der Hauptkonkurrent Codorníu, der seinen Sitz nach La Rioja verlegt hat, stellt sich Freixenet nun den Folgen der diversen Boykottaufrufe gegen katalanische Produkte im Rest des Landes. Wirtschaftsführer, Politiker und Medien treten diesen Aufforderungen entgegen, unter anderem mit dem Verweis darauf, dass die Korken der Cava-Flaschen aus Andalusien stammen. Der Vorsitzende von Freixenet und Präsident der spanischen Handelskammern, José Luis Bonet, übt sich in Optimismus. “Ich glaube, die Dinge werden sich ändern, denn der Schaden, den diese Entwicklung in der Wirtschaft und für die Menschen angerichtet hat, ist spürbar. Die Leute werden darüber nachdenken und die Dinge umdrehen”, sagte Bonet in einem Radiointerview. Ganz sicher ist er sich aber wohl nicht. Der Aufsichtsrat von Freixenet wird nach den Wahlen zusammentreten und darüber beraten, ob der Firmensitz auch weiterhin in Katalonien bleibt.