NOTIERT IN SCHANGHAI

Milliardenvolk mit Mundschutzetikette

Der britische Premier Boris Johnson und Gesundheitsminister Matt Hancock haben sich mit dem Coronavirus angesteckt. Bundeskanzlerin Angela Merkel ist wegen engen Kontakts zu ihrem ebenfalls angesteckten Leibarzt vorsorglich in häusliche Quarantäne...

Milliardenvolk mit Mundschutzetikette

Der britische Premier Boris Johnson und Gesundheitsminister Matt Hancock haben sich mit dem Coronavirus angesteckt. Bundeskanzlerin Angela Merkel ist wegen engen Kontakts zu ihrem ebenfalls angesteckten Leibarzt vorsorglich in häusliche Quarantäne gegangen, und im Reich der Mitte ist man völlig aus dem Häuschen: Tian na! (Oh Himmel!), wie kann das denn sein, stöhnt die vox populi. Haben die etwa keine Atemschutzmasken getragen? Nicht einmal die Regierungschefin der als besonders sauber, gewissen- und tugendhaft gefeierten Bundesrepublik? Chinas Netzgemeinde ist völlig baff.Man liest endlose Tiraden über die rätselhafte Dickköpfigkeit von Deutschen, Engländern und Amerikanern, die immer tiefer im Corona-Sumpf stecken, aber trotzdem Nonchalance in Sachen Mundschutzetikette an den Tag legen. Ebenfalls unverständlich wirkt für Chinesen die prominente Rolle von Toilettenpapierollen als bevorzugter Hamsterkaufware. Wie kann es sein, dass die Menschen dafür Supermärkte stürmen und keiner in der Menge eine Maske trägt? *Im Straßenbild chinesischer Großstädte einen atemschutzlosen Mitbürger zu sichten ist wie eine Stecknadel im Heuhaufen suchen. Schließlich würde man mit nackter Mundpartie gar nicht erst Einlass in Geschäfte oder Bürogebäude finden. Das gilt auch für Bankfilialen, obwohl die sonst denkbar wenig Sympathie für maskierte Subjekte aufbringen. Nun aber ist die Kreditwirtschaft auf den Trend aufgesprungen. Manche Banken offerieren als Lockmittel für neue Einlagekunden Werbegeschenke in Form der N 95-Masken mit besonders hochleistungsfähigem Virusfilter. Beim Lebensversicherer Ping An wiederum verlegt man sich eher auf Nachhaltigkeit und wirbt mit dem Slogan: “Eine Maske bietet einmaligen Schutz, aber eine gute Versicherung lebenslangen.”Auch die vorsichtige Aufklärung darüber, dass in westlichen Ländern totale Knappheit an Schutzmasken herrscht, wirkt für Chinesen nicht überzeugend. Man kann sich doch zur Not auch einen Schal oder ein Halstuch vor Mund und Nase binden, oder etwa nicht? Wenn ihr schon so viel Klopapier vorrätig habt, dann wickelt euch doch wenigstens damit das Gesicht ein, lästern manche Netzkommentatoren gar. Tatsächlich finden sich auf der Kurzvideoplattform Douyin (im Westen als Tik Tok bekannt) Hunderte von cleveren Clips, wie man sich mit selbst gebastelten Masken, zum Beispiel aus umfunktionierten Babywindeln, zu behelfen weiß. *Auf Tik Tok und dem sozialen Netzwerk Wechat finden sich auch genügend andere Anregungen, wie man Quarantäne in den eigenen vier Wänden lagerkollerfreundlich gestalten könnte. Zum Beispiel mit sportlichem Ehrgeiz. Da sieht man etwa, wie jemand, mit Schwimmbrille und Badekappe in Bauchlage mit dem Kopf in eine Plastikwanne getunkt, einen fachgerechten Kraulstil simuliert. Andere veranstalten Turniere etwa im Standweitsprung, Seilhüpfen oder Liegestütz.Wem das zu athletisch ist, der kann auch dem gemächlicheren Sport des Curlings (Eisstockschießen) frönen. Alles, was es dazu braucht, ist ein einigermaßen glatter Boden und ein paar Töpfe – oder besser noch Teekessel -, die den Curling-Schiebesteinen mit Henkel am nächsten kommen. Jetzt fehlt nur noch ein Dienstfertiger am Besen, der mit manischen Wischbewegungen dem dahingleitenden Sportgerät die richtige Bahn verleiht. Man kann es auch bei bewegungsärmeren Geschicklichkeitsübungen belassen und schlicht versuchen, einen Besen so auszubalancieren, dass er mit dem Stiel nach oben stehenbleibt. So können rasch Stunden vergehen.Und für Achtsamkeitsfanatiker gibt es ein Experiment, mit dem die Coronazeit wie im Fluge vergeht. Man nehme ein rohes Ei und versuche es auf einer Tischplatte so auszubalancieren, dass es mit der Spitze nach oben stehen bleibt. Ob es physikalisch überhaupt möglich ist, die träge Eiflüssigkeit so auszutarieren, dass ein perfekt mittiger Schwerpunkt gefunden wird, sei an dieser Stelle nicht verraten. Aber zum Quarantäne-Zeitvertreib gereicht die Übung allemal.