NOTIERT IN SCHANGHAI

Mit Fresssucht auf der maritimen Seidenstraße

Dänemark steht auf der Liste der prosperierenden Länder, die beste Lebens- und Umweltbedingungen schaffen, ganz oben, China ein ganz erhebliches Stück weiter unten. Aber jedes Paradies hat nun mal seine Luxusprobleme. Vor der Küste Jütlands soll es...

Mit Fresssucht auf der maritimen Seidenstraße

Dänemark steht auf der Liste der prosperierenden Länder, die beste Lebens- und Umweltbedingungen schaffen, ganz oben, China ein ganz erhebliches Stück weiter unten. Aber jedes Paradies hat nun mal seine Luxusprobleme. Vor der Küste Jütlands soll es riesige Austernbänke geben, die aber pazifischen Ursprungs sind und folglich dort nichts zu suchen haben. Da ökologisches Gleichgewichtsdenken oft ganz legitim mit ethnischer Diskriminierung einhergeht, aber Einwanderungssperren nicht ganz einfach durchzusetzen sind, ist die invasive Austernspezies ein Problem.Die dänische Botschaft in Peking hat dies in einem Posting auf dem chinesischen Twitter-Dienst Sina Weibo thematisiert und nun läuft der chinesischen Netzgemeinde vor lauter Hilfsbereitschaft schon das Wasser im Mund zusammen. Nichts versetzt chinesische Gaumen so sehr in Schwingungen wie Meeresfrüchte und die Knappheitssituation in überfischten heimischen Gewässern macht ausländische Ware immer willkommener.Das launige Posting der dänischen Botschaft mündet im Aufruf “Come to Denmark and have some oysters, let’s make it a date”. “Das ist ein Dating-Service, mit dem wir etwas anfangen können”, lauten zahlreiche Repliken, “richtet uns ein Sondervisumkontingent für freiwillige Austernhelfer ein und wir kommen rüber und fressen Euch die Dinger in null Komma nichts weg.”Andere Vorschläge laufen darauf hinaus, chinesische Fischfangflotten, die bei den Nachbarländern im territorialkonfliktverseuchten Südchinesischen Meer bekanntlich höchst unwillkommen sind, auf Dänemark loszulassen. Die Anreise wäre aber freilich bei allen Förderprojekten rund um Chinas maritimes Seidenstraßenprojekt doch arg beschwerlich. *Wie dem auch sei, Aquakultur-Diplomatie hat derzeit Hochkonjunktur, was auch der norwegischen Fischindustrie zugute kommt. Nach jahrelang eingefrorenen Handelsbeziehungen zwischen Norwegen und China hat Peking nun verziehen, dass das in Oslo ansässige Friedensnobelpreis-Komitee einen chinesischen Dissidenten entsprechend dekoriert hat. Nun gibt es wieder einen regen Austausch mit gegenseitigen Regierungsbesuchen. Und siehe da, nach jahrelanger Ebbe flutschen Norwegens Lachsexporte nach China wie nie zuvor.Chinesische Verbraucher haben sich mit dem in heimischen Gewässern nicht vorkommenden Omega-3-Fischölbolzen extrem angefreundet und können es gar nicht mehr erwarten, den norwegischen Exportschlager par excellence in den Wok zu hauen. Was die Importkanäle angeht, muss man sich jedenfalls keine Sorgen machen, der E-Commerce-Riese Alibaba hat sich längst mit Norwegens Marine Harvest ASA verbandelt, um die Logistikketten für den gerade bei ausländischen Lebensmitteln immer beliebteren Internetvertrieb sicherzustellen. *Selbst für das diffizile Handelsgeflecht zwischen den USA und China bietet die Meeresfrüchtegier im Reich der Mitte Entspannungsmöglichkeiten. Was Hummer angeht, ist die atlantische Ostküste der USA das Maß der Dinge, und Chinesen können vom berühmten Maine Lobster nicht genug kriegen. Relativ vernünftige Preise und die Dynamik der aufstrebenden und onlinehandelssüchtigen Mittelschicht machen den US-Hummer zu einem Schlager auf Alibabas einschlägigen E-Commerce-Plattformen Tmall und Taobao. Dabei besteht die Kundschaft freilich, wie es sich gehört, auf Lebendware und nicht das tiefgefrorene Zeug.Das Maine International Trade Center hat kürzlich eine Dependance in Schanghai eröffnet und will nun auch chinesische Investments für das Lobster Business in den USA anlocken. Das chinesische Interesse am Maine Lobster sorge eindeutig für die Schaffung von Arbeitsplätzen in der Region, heißt es zudem. Donald Trump wird es sicher gerne hören. Vielleicht lassen sich auch künftig potenzielle Handelskonflikte zwischen beiden Ländern mit chinesischer Liebe, die durch den Magen geht, ein wenig schlichten.