NOTIERT IN MAILAND

Nachtschwärmer-Übermut nach dem Lockdown

Italiens Nachtschwärmer konnten das Ende des strengen Lockdown kaum erwarten. In den Ausgehvierteln um die Navigli in Mailand, in Trastevere in Rom, in Vucciria in Palermo, in den Altstädten von Genua, Turin und Brescia oder an der Strandpromenade...

Nachtschwärmer-Übermut nach dem Lockdown

Italiens Nachtschwärmer konnten das Ende des strengen Lockdown kaum erwarten. In den Ausgehvierteln um die Navigli in Mailand, in Trastevere in Rom, in Vucciria in Palermo, in den Altstädten von Genua, Turin und Brescia oder an der Strandpromenade von Neapel stehen sie nun abends so dicht an dicht, dass die Verantwortlichen drohen, die Öffnung zurückzudrehen.Mailands Bürgermeister Giuseppe Sala hat nun den Verkauf alkoholischer Take-away-Getränke nach 19 Uhr unterbunden. Roms Bürgermeisterin Virginia Raggi will Geldbußen von 500 Euro von denen verlangen, die ihre Schutzmaske nicht tragen. Und nun sollen sogar 60 000 Freiwillige, Arbeitslose und Bezieher der Grundsicherung vor allem, durch die Straßen patrouillieren, um über die Einhaltung der sozialen Distanz zu wachen. Auf Intervention von Innenministerin Luciana Lamorgese haben sie jedoch keine Sanktionsgewalt.Regionenminister Francesco Boccia will im Lichte der Entwicklung auch prüfen, ob die Reisebeschränkungen zwischen den Regionen ab 3. Juni aufgehoben werden. Das Kabinett will die Entscheidung darüber am Freitag treffen – in Abhängigkeit von der Einhaltung der Regeln, aber auch der Entwicklung der Coronavirus-Ansteckungszahlen und Todesfälle. Sie sind vor allem in Piemont und in der Lombardei, die gemeinsam für zwei Drittel aller Fälle in Italien stehen, noch sehr hoch. Es ist deshalb nicht auszuschließen, dass es für die beiden norditalienischen Regionen Sonderregeln geben wird.Die Wirtschaft, vor allem Hotels, Restaurants, Cafés und Strandbäder, dringt auf eine rasche Öffnung, damit wenigstens italienische Touristen in die Urlaubsorte kommen. Mit vielen ausländischen Gästen rechnet trotz der angestrebten Reiseerleichterungen kaum jemand. So ist es tagsüber in den sonst von Touristenmassen bevölkerten Stadtzentren von Florenz, Venedig oder Rom zum Teil gespenstisch ruhig. Touristen gibt es nicht und die meisten Einheimischen konnten sich das Leben in der Innenstadt schon lange nicht mehr leisten und sind in die Peripherie gezogen. Der Bürgermeister von Florenz hat sie nun aufgefordert, ins Zentrum zu kommen, weil die dortigen Geschäfte, Bars und Restaurants, die sonst kaum Interesse an den Einheimischen haben, andernfalls leer blieben.Wer durch die Innenstädte streift, kann in diesen Tagen die Sehenswürdigkeiten in aller Ruhe genießen. Beim “heiligen” Espresso oder Cappuccino in der Bar an der Ecke machen viele aber unangenehme Erfahrungen. Es geht nicht um die Touristenfallen, die 10 Euro für den Kaffee verlangen. Nein, selbst normale Cafés haben ihre Preise angehoben, weil sie wegen der Abstandsregeln weniger Gäste begrüßen können und zusätzliche Kosten haben, um die Sicherheitsvorschriften zu erfüllen. Die Schallgrenze von 1 Euro für den Espresso wird immer öfter durchbrochen. Viele der neuerdings umworbenen Einheimischen dürften da ihren Kaffee lieber wieder im heimischen Vorort genießen.Die Verbraucherverbände rechnen generell mit Preiserhöhungen von 18 bis 20 % in Cafés, aber auch in Restaurants, Strandbädern oder Hotels – wegen strenger Sicherheitsvorkehrungen und Restriktionen, aber auch wegen der Einnahmeausfälle der vergangenen Monate und weniger Gästen. Aber ob sich diese Preise dauerhaft durchsetzen lassen, ist fraglich.Viele Lokale, Schätzungen gehen von 20 % aus, werden gar nicht mehr aufmachen. Den Ausfall der Gastronomie haben Lebensmittelproduzenten seit Anfang März deutlich gespürt. Anders als in Deutschland gab es in der Hochphase der Krise auch keine Restaurants mit Liefer- oder Abholservice.So erlebten Spezialitätenhersteller wie die Fratelli Carli aus Savona, die ligurische Spezialitäten im Sortiment haben und vor der Krise die Expansion nach Frankreich und Deutschland geplant hatten, einen regelrechten Boom beim Online-Versand, aber auch der Belieferung von Lebensmittelgeschäften. Damit wurden die Umsatzrückgänge mit der Gastronomie zum Teil ausgeglichen. Ähnlich ging es traditionellen Pasta- und Pestoproduzenten wie der Pastificio Novella di Sori bei Genua, die in den ersten beiden März-Wochen einen “Boom wie vor Weihnachten” erlebte. Doch Weihnachten ist vorbei.