NOTIERT IN LONDON

Neue Ruppigkeit

Der Weltkriegsveteran Captain Tom Moore hat an seinem 100. Geburtstag doch nicht auf den Anblick einer Spitfire-Maschine über seinem Domizil in Bedfordshire verzichten müssen. Geistlose Bürokraten wollten den Überflug untersagen, weil sie ihn als...

Neue Ruppigkeit

Der Weltkriegsveteran Captain Tom Moore hat an seinem 100. Geburtstag doch nicht auf den Anblick einer Spitfire-Maschine über seinem Domizil in Bedfordshire verzichten müssen. Geistlose Bürokraten wollten den Überflug untersagen, weil sie ihn als eine während der Coronakrise nicht unbedingt erforderliche Reise klassifizierten. Zudem befürchteten sie, dass die zu erwartenden Zuschauer nicht die gebührende soziale Distanz walten lassen. Der Fall ist nur ein Beispiel für die neue Ruppigkeit, die seit Ausbruch der Coronavirus-Pandemie im Umgang der Verwaltung mit dem Bürger Einzug gehalten hat. Im Osten der britischen Metropole schloss die Stadtteilverwaltung von Tower Hamlets nach Absprache mit der Polizei im benachbarten Hackney vorübergehend den Victoria Park. Es war der einzige Ort, an dem sich die in Sozialwohnungsblocks gepferchten Bewohner des Viertels ein bisschen Bewegung verschaffen konnten. Sie hätten sich nicht an die Regeln zur sozialen Distanz gehalten, hieß es zur Begründung. Bis der Park mit verkürzten Öffnungszeiten wieder die Tore aufmachte, weil der Verwaltung der politische Druck zu groß wurde, blieb ihnen nur noch die Möglichkeit, sich entlang viel befahrener Straßen sportlich zu betätigen.Vermutlich hätte der Fall Moore keinen interessiert, wenn der bescheidene alte Herr nicht in den vergangenen Tagen zum Nationalhelden geworden wäre. Er hatte sich das Ziel gesetzt, seinen Garten 100 Mal zu durchqueren und damit 1 000 Pfund für NHS Charities Together einzuwerben, einen Spendenaufruf zugunsten der Mitarbeiter und Freiwilligen des National Health Service. Sein Einsatz fand große Aufmerksamkeit und am Ende wurden es mehr als 30 Mill. Pfund. “Die Leute sagen immer, was ich getan habe, sei bemerkenswert”, sagte Moore. “Dabei ist in Wirklichkeit das bemerkenswert, was sie für mich getan haben.” Moore wurde ehrenhalber zum Oberst befördert. Mark Carleton-Smith, der Oberbefehlshaber der Armee, nannte ihn ein “inspirierendes Vorbild”. Die Queen und Premierminister Boris Johnson zählten zu den Gratulanten. Es wird wohl einer ihrer Spindoktoren gewesen sein, der dafür gesorgt hat, dass der Überflug des Hauses von Moore zur zwingend erforderlichen Reise wurde. *Unterdessen bahnt sich eine Bildungskatastrophe an: Zwei Drittel aller Kinder, die nicht mehr zum Unterricht gehen können, nehmen nicht an Online-Angeboten der Schulen teil. Zu diesem Ergebnis kam eine Umfrage des Sutton Trust, einer gemeinnützigen Organisation, die Bildungsthemen unter die Lupe nimmt. Während Privatschulen weniger Probleme damit haben, den täglichen Kontakt zum Lehrer auf digitalem Wege herzustellen, reichen an staatlichen Schulen in sozial stark benachteiligten Stadtteilen nur 8 % der Schüler ihre Hausaufgaben ein. Nun stellte sich auch noch heraus, dass auch Kinder von Mitarbeitern des Gesundheitswesens und anderer kritischer Dienste, die weiter zur Schule gehen dürften, dies weit weniger tun als angenommen.Ursprünglich hatte die Regierung damit gerechnet, dass ein Fünftel der Schüler weiter zum Unterricht erscheinen wird. Tatsächlich sind es nicht einmal 2 %. Das liegt nicht etwa an der Lernunwilligkeit der Kinder, sondern an den unklaren Vorgaben der Regierung, die es den Schulverwaltungen ermöglichten, ihre eigenen Kriterien dafür aufzustellen, wen sie noch durchs Schultor lassen. Eine Schule im lauschigen Südwesten Londons machte etwa zur Voraussetzung, dass beide Elternteile für den Aufrechterhalt des Gemeinwesens dringend erforderliche Berufe ausüben, und reduzierte die Zahl der weiter zu betreuenden Schüler dadurch ungemein. Zudem werden die Kinder ohnehin meist nur verwahrt, denn auch in Großbritannien sind viele Lehrer alt genug, um sich als Risikogruppe zu betrachten. Es fehlt also an Personal und es gibt zudem wenig Platz zur sozialen Distanzierung. Am Ende starren die Schüler auch im Klassenzimmer nur in einen Bildschirm – bei erhöhter Infektionsgefahr. Kein Wunder, dass viele Krankenschwestern, Polizisten und Feuerwehrleute auf das Privileg verzichten, ihre Kinder in die Schule zu schicken.