NOTIERT IN TOKIO

Notstand light

Der Monat April bringt in Japan wichtige Neuanfänge mit sich, aber diesmal hat das Virus alles verändert: Das neue Schul- und Studienjahr begann für die Mehrzahl der Schüler und Studenten vor Bildschirmen statt im Klassenzimmer und Vorlesungssaal....

Notstand light

Der Monat April bringt in Japan wichtige Neuanfänge mit sich, aber diesmal hat das Virus alles verändert: Das neue Schul- und Studienjahr begann für die Mehrzahl der Schüler und Studenten vor Bildschirmen statt im Klassenzimmer und Vorlesungssaal. Und die Großunternehmen starteten in das neue Geschäftsjahr nicht mit der üblichen feierlichen Eintrittszeremonie für ihre neuen Mitarbeiter, die sie jedes Jahr direkt von Schule und Universität rekrutieren. Stattdessen haben die Personalabteilungen ihren Trainees einen Computer geschickt und die ersten Aufgaben per Videokonferenz erklärt.Allerdings gelingt die Umstellung nicht überall. Für Kopfschütteln sorgen etwa die Beamten im Gesundheitsministerium. Trotz des Drängens von Regierungschef Shinzo Abe wollen sie das vielversprechendste Mittel zur Behandlung von Covid-19 nicht außer der Reihe zulassen. Das antivirale Grippemittel mit dem Markennamen Avigan wirkte bei einem klinischen Test in China vor allem während der Frühphase der Erkrankung. Doch die Beamten probieren Avigan zuerst an Schwerkranken aus. Als der Premier sich darüber beschwerte, bekam er zu hören, so sei eben die Vorschrift für die Einführung neuer Medikamente. Der Hintergrund: Die Beamten haben Angst, dass sie für Nebenwirkungen einer Behandlung persönlich haften müssen. In der Vergangenheit hatte es solche Fälle gegeben.Doch Abe musste noch mehr Frust aushalten. Viele Japaner ignorierten seinen Appell, die Zahl der Pendler müsse um 70 % schrumpfen, um die zwischenmenschlichen Abstände in den Zügen zu erhöhen. Laut einer Umfrage des Arbeitsministeriums von Anfang April über die Messenger-App Line, das japanische Pendant von Whatsapp, arbeiten nur knapp 6 % der 24 Millionen Befragten zu Hause. Die niedrige Quote dürfte unter anderem damit zusammenhängen, dass viele Werktätige entweder Urlaub nehmen oder auf Lohn verzichten müssten, wenn sie nicht ins Büro fahren. “Ich kann mir keine Pause leisten”, sagte ein Zeitarbeiter einem TV-Sender. Die grundsätzliche Botschaft wurde immerhin verstanden: In Tokio gingen die Einkäufe und Restaurantbesuche laut Bewegungsdaten von Google um ein Drittel zurück. *Insgesamt hat mich in dieser Pandemie jedoch überrascht, wie wenig obrigkeitshörig sich viele Japaner verhalten. Als Abe verkündete, jeder Haushalt erhalte vom Staat zwei Stoffmasken kostenlos zugeschickt, überschütteten ihn viele Twitter-User mit Häme, weil er nicht an mehrköpfige Familien gedacht habe. Darauf versuchte der Premier sein Image mit einem Werbevideo für “Stay at home” aufzubessern. Darin streichelte er seinen Hund, trank Tee und las ein Buch. Diesmal erntete er einen Shitstorm mit dem Hashtag “Was denkst Du eigentlich, wer Du bist?”. Viele Menschen seien wegen des Notstandes, den Abe vor einer Woche verhängt hatte, in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten. Ihr Problem sei es nicht, sich am Wochenende zu Hause beschäftigen zu müssen. “Ist der Führer unseres Landes ein Aristokrat?”, lautete ein empörter Tweet.Allerdings konnte ich diese Kritik nicht ganz nachvollziehen, weil die Regierung den Notstand nur in einer Light-Version umsetzt. Denn Abe will die Wirtschaft so wenig wie möglich beschädigen, und außerdem erlaubt es die Verfassung der Polizei nicht, eine Ausgangssperre mit Strafen durchzusetzen. Das Ergebnis: Nur einige Kaufhäuser und Einkaufszentren haben geschlossen, während die Restaurants und Cafés bis 20 Uhr geöffnet sind. Sogar Friseursalons bleiben vielerorts in Betrieb.Die meisten Japaner tragen zwar Masken, halten in einer Schlange aber keinen Extraabstand. Die Geschäfte und Supermärkte sind sichtbar leerer, auch der Verkehr hat abgenommen, vor allem ältere Menschen scheinen mehr zu Hause zu bleiben. Aber in den Parks treffen sich die Mütter mit ihren Kleinkindern, als ob es kein Coronavirus gäbe. Selbst Mediziner scheinen den Ernst der Lage nicht zu begreifen. Nach einer Abschiedsparty wurden soeben alle Anästhesisten von zwei Krankenhäusern in der Pharmazie-Hochburg Toyama auf Sars-CoV-2 positiv getestet, so dass alle Operationen abgesagt werden mussten.