Nüchtern betrachtet sind wir zu oft angetrunken
Nüchtern betrachtet sind wir zu oft angetrunken
Silvester steht vor der Tür – und das bedeutet, dass sich halb Deutschland wieder in Schampuslaune befindet. Schließlich wird Glock zwölf in den meisten deutschen Haushalten mit Qualitätsschaumwein angestoßen.Beim Sekt allein scheint es allerdings gemeinhin nicht zu bleiben – häufig kommt da wohl noch ein Korea (Rotwein mit Cola), eine grüne Jungfer (Likör mit Orangensaft) oder ein Kikeriki (Eierlikör mit Fanta) hinterher. Das zumindest lassen Daten und Zahlen über den Alkoholkonsum der Bundesbürger vermuten. Immerhin rangiert Deutschland recht weit vorne in der wenig ruhmreichen Alkoholverzehr-Statistik der Weltgesundheitsorganisation – auf Platz 23 von 187. Damit lassen die Germanen so trinkfreudige Völker wie die Letten, die Belgier oder die Schweden hinter sich. *In der Tat ist es schaurig beeindruckend, wenn man sich vor Augen führt, was Otto Normaltrinker tagtäglich so intus hat. Bricht man Angaben der heimischen Getränkeindustrie auf Tagesbasis herunter, so gönnt sich jeder Bundesbürger täglich ein Bier (0,3 Liter) sowie ein halbes Gläschen Wein (0,05 Liter) und einen Kurzen (2 cl).Das mag dem einen oder anderen auf den ersten Blick nicht dramatisch erscheinen. Doch wenn man gleichzeitig berücksichtigt, dass es jede Menge Bundesbürger gibt, die überhaupt nichts Prozenthaltiges trinken (Kleinkinder, Greise, Abstinenzler), ist der Durchschnittsdeutsche – statistisch gesehen – schnell bei zwei Bier, einem Wein und einem Doppelten angelangt. Ein solches erweitertes Herrengedeck hat durchaus das Zeug, manche Zunge bereits etwas schwerer zu machen und manchen Gleichgewichtssinn leicht ins Wanken zu bringen – wohlgemerkt: Es geht hier nicht um den Durchschnittskonsum an Silvester, sondern an jedem einzelnen Tag im Jahr. Kurzum: Nüchtern betrachtet sind wir definitiv zu oft angetrunken. Auf jeden Fall verstehen wohl einige hierzulande etwas komplett falsch, wenn sie der Hausarzt auffordert, Alkohol doch bitte schön nur in kleinen Dosen zu konsumieren. *Eng verbunden mit der munteren Trinkerei ist das zweite Thema, das viele in der Silvesternacht beschäftigt: das Körpergewicht. Kaum geht wieder mal ein Jahr zu Ende, schon sind die Knochen erneut 3 Kilo schwerer geworden. Zugleich drängt sich der Eindruck auf, dass auch viele unserer Freunde im Laufe ihres Lebens nicht nur wichtiger, sondern gewichtiger werden. Um zu überprüfen, ob man selbst bereits zu viel Masse angesetzt hat, eignet sich übrigens ein einfacher Test: Wenn Ihr Gegenüber die Gürtelschnalle unter Ihrem Bauch nicht mehr erkennen kann, sollten Sie sich Gedanken über Lebensführung und Ernährung machen.Wie wär’s, wenn Sie in der Mittagspause mal nicht zu dem greifen, was 2017 wieder auf den vorderen Rängen der Kantinen-Charts stand: Currywurst mit Wellenschnittpommes, gegrillter Alaska-Seelachs mit Kräuterkartoffeln oder Spaghetti Bolo. Sie könnten sich etwa an der leichteren Kost orientieren, die in Kitas und Schulmensen serviert wird: Tomatensuppe mit Reis, Gemüseravioli oder vegetarische Linsensuppe. Ist doch gerade die Zeit für gute Vorsätze. *Die Bekleidungsindustrie wird es den Kunden gewiss danken, wenn sie mehr darauf achten, nicht aus der Form zu laufen. Denn die Tatsache, dass die Deutschen “kräftiger” werden, wie es schönfärberisch in einer der umfassendsten Studien über Konfektionsgrößen heißt, zwingt die Branche ständig zu Nachbesserungen. “XXL” beispielsweise ist längst nicht mehr, was es mal war. Sondern viel mehr.Zwischen 1994 und 2009 ist der Taillenumfang von Frauen hierzulande um 4 Zentimeter gewachsen, der Hüftumfang um fast 2. Bei Männern war die Zunahme noch ausgeprägter, an der Hüfte gar doppelt so mächtig. Kurzum: Wer nicht dazu beitragen möchte, den Belgiern den Rang als Volk der Bierbäuche streitigzu machen, sollte allerspätestens mit dem Silvesterfeuerwerk damit aufhören, das Nutella-Glas mit dem Esslöffel zu leeren.