NOTIERT IN TOKIO

Ohrstöpsel statt Gesichtsmasken

Die Bahnhöfe und Züge, die Restaurants, die Kaufhäuser in Japans Hauptstadt Tokio sind so voll wie immer. Kein Vergleich zu Schanghai oder Peking, wo das öffentliche Leben stillsteht. Aber seit einigen Tagen tragen viel mehr Japaner als zu dieser...

Ohrstöpsel statt Gesichtsmasken

Die Bahnhöfe und Züge, die Restaurants, die Kaufhäuser in Japans Hauptstadt Tokio sind so voll wie immer. Kein Vergleich zu Schanghai oder Peking, wo das öffentliche Leben stillsteht. Aber seit einigen Tagen tragen viel mehr Japaner als zu dieser Jahreszeit üblich eine Gesichtsmaske, wenn sie ihre Wohnung verlassen. Die Absage des Tokio-Marathons für 38 000 Freizeitläufer am 1. März sowie der Verzicht des neuen Kaisers Naruhito auf ein öffentliches Winken an seinem 60. Geburtstag am kommenden Sonntag haben die Bevölkerung beunruhigt. Angesichts von erst rund sechs Dutzend Infizierten erklärten amtliche Experten zwar, das Virus habe sich “noch nicht weit verbreitet”. Aber die jüngeren Ansteckungen entstanden ohne Kontakt zu Chinesen. Daher fragen sich viele, ob Japan auf eine Epidemie vorbereitet ist. So gibt es nur knapp 1 900 Quarantäne-Betten in speziellen Krankenhäusern. Die Testkits sind nicht überall vorhanden, auch ihre Menge scheint offenbar nicht auszureichen.Premierminister Shinzo Abe persönlich forderte alle Japaner auf, in ihrer Wohnung zu bleiben, wenn sie Erkältungssymptome bekommen. Wer länger als vier Tage über 37,5 Grad Fieber hat, soll spezielle Gesundheitszentren aufsuchen. Der Regierungschef weiß, wovon er spricht: Aus Pflichtbewusstsein gehen viele Japaner trotz einer Erkrankung weiter zur Schule oder zur Arbeit – zum Beispiel ein Arzt, der mit Fieber arbeiten ging und in seinem Krankenhaus mehrere Leute mit dem Coronavirus ansteckte. Die Unternehmen reagieren auf ihre Weise: Der Telekomriese NTT, einer der größten privaten Arbeitgeber, erlaubte seinen 200 000 Mitarbeitern, außerhalb der Stoßzeiten ins Büro zu kommen, damit sie überfüllte Pendlerzüge vermeiden können. Auf verstärkte Heimarbeit setzen Konzerne wie Fujitsu, Hitachi, Sony, Takeda und Toshiba. Allerdings fehlen dafür häufig die technischen Voraussetzungen wie ein externer Zugang zum Firmennetzwerk. Doch das eigentliche Problem stellen jene Infizierte dar, die keine Symptome zeigen und die Krankheit trotzdem verbreiten können. Insofern ergibt es durchaus Sinn, eine Maske zu tragen. Allerdings sind sie inzwischen überall ausverkauft. *Im Gegensatz dazu werden die Bewohner von zentralen Stadtbezirken in Tokio ab Ende März eher Ohrstöpsel benötigen. Dann dürfen nämlich erstmals in der Geschichte der Hauptstadt große kommerzielle Passagierflugzeuge über das Zentrum fliegen, wenn sie am Tokioter Flughafen Haneda starten oder landen. Besonders betroffen sind das Jugendviertel Shibuya mit seiner berühmten Kreuzung, die Stadt Kawasaki und natürlich die Gebiete nordwestlich des Flughafens. Bisher mussten die Flieger Routen über der Bucht von Tokio benutzen, an deren Ufer der Flughafen liegt. Aber die Zahl der Starts und Landungen soll um rund zwei Drittel steigen. Das geht nur mit neuen Routen über dem Häusermeer von Tokio. Um mögliche Proteste im Keim zu ersticken, werden die neuen Stadtrouten nur zwischen 15 und 19 Uhr genutzt. Dabei dürfte es jedoch kaum bleiben. Darüber hinaus veranstaltete das Verkehrsministerium die ersten Probeflüge erst Ende Januar, nur zwei Monate vor der Einführung. Die Nummern für die zusätzlichen Slots sind auch schon längst vergeben. Allein deswegen dürfte das Ministerium die Beschwerden der betroffenen Anwohner kaum berücksichtigen.Der Lärm habe sich “im erwarteten Bereich” bewegt, hieß es denn auch wenig überraschend nach den Testflügen. Mit bis zu 81 Dezibel gleiche die Lautstärke der Flugzeuge nur einer befahrenen Hauptstraße. Ein Grund dafür könnte eine neue Vorschrift für diese Routen sein. Landende Maschinen müssen mit einem steileren Winkel von 3,45 Grad herunterschweben, damit möglichst wenige Stadtgebiete unter hohem Fluglärm leiden. International üblich sind 3 Grad. Diese Änderung mache Haneda zum am schwierigsten anzufliegenden Flughafen der Welt, warnte der Ex-Pilot Hiroshi Sugie. Der steilere Winkel erschwere es, die Geschwindigkeit des Flugzeugs beim Aufsetzen zu reduzieren, sagte der Luftfahrtexperte. Dadurch steige das Risiko, dass das Heck des Flugzeugs auf der Landebahn aufschlage.