Ölpreis-Sturz schont Geldbeutel spürbar
Ölpreis-Sturz schont Geldbeutel spürbar
rec Frankfurt – Die jüngsten Verwerfungen am Ölmarkt haben stark auf die Verbraucherpreise in Deutschland durchgeschlagen. Laut dem für europäische Vergleichszwecke einschlägigen Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) lag die Teuerungsrate im März bei 1,3 % . Das meldete am Montag das Statistische Bundesamt (Destatis) in einer ersten Schätzung. Demnach lagen die Preise für Güter und Dienstleistungen in nationaler Rechnung (VPI) 1,4 % höher als im März 2019.Volkswirte hatten eine gedämpftere Inflation antizipiert, im Durchschnitt aber mit einem HVPI-Plus von 1,4 % gegenüber dem Vorjahresmonat gerechnet. Im Februar lag die Inflation hierzulande noch bei 1,7 %. Zusammen mit ersten Zahlen aus Spanien, wo die Verbraucherpreise im März auf Jahressicht um gerade einmal 0,2 % anzogen, ergeben sich erste Hinweise auf die Preisentwicklung in der Eurozone insgesamt. Entsprechende Zahlen wird das europäische Statistikamt Eurostat heute veröffentlichen. In Euroland lag die Teuerungsrate mit 1,2 % zuletzt auf Abstand zum Ziel der Europäischen Zentralbank (EZB) von “nahe, aber unter 2 %”.Diesem Ziel ist die EZB schon vor der Coronakrise trotz ihrer expansiven Geldpolitik über Monate kaum nähergekommen. Dies gilt auch mit Blick auf die um die besonders schwankungsanfälligen Nahrungsmittel- und Energiepreise bereinigte Kernteuerungsrate, die nach Commerzbank-Berechnungen hierzulande bei 1,5 % verharren dürfte. “Insofern spricht das Inflationsumfeld den umfassenden Maßnahmen der EZB im Kampf gegen die Folgen der Coronakrise zunächst nicht entgegen”, sagt Ulrich Wortberg von der Helaba. Unter anderem hat die EZB ein Notfallanleihekaufprogramm im Umfang von 750 Mrd. Euro aufgelegt. Insgesamt wird sie ihren Beschlüssen zufolge 2020 für rund 1,3 Bill. Euro Anleihen von Staaten und Unternehmen erwerben.Der deutlich geringere Preisdruck im März ist auf den Absturz der Ölpreise zurückzuführen. Die Streitereien zwischen der Opec und Russland sowie die geringere Nachfrage aufgrund des Corona-Schocks haben die Ölpreise binnen weniger Wochen um etwa 60 % gedrückt. Dadurch fielen die Energiepreise hierzulande um 2,5 % zum Vormonat. Die Preise für Nahrungsmittel zogen von 3,3 auf 3,7 % an. Beobachter machen dafür aber nicht in erster Linie die Coronakrise, sondern die in China grassierende Afrikanische Schweinepest verantwortlich: Wegen der Seuche schossen die Preise für Schweinefleisch nach oben. Auch Obst kostete vielerorts deutlich mehr. LBBW-Ökonom Jens-Oliver Niklasch rät noch aus einem anderen Grund dazu, die Werte mit Bedacht zu interpretieren – schließlich seien “ganze Warengruppen wie im Gastgewerbe quasi unverfügbar geworden”, weil neben Einzelhändlern zuletzt etwa auch Friseure schließen mussten.Mittelfristig dürfte die Pandemie nach Ansicht von Ökonomen gegensätzliche Effekte auf die Inflation haben. Darauf wies auch der Sachverständigenrat für Wirtschaft in seinem neuen Sondergutachten hin (siehe auch Bericht auf dieser Seite). “Einerseits könnte es kurzfristig zu Preissenkungen bei bestimmten Dienstleistungen kommen”, schrieben die fünf Wirtschaftsweisen. “Andererseits dürften produktionsseitige Verzögerungen tendenziell preistreibend wirken, sollte die Nachfrage im zweiten Halbjahr wie erwartet steigen.” Sie rechnen 2020 mit einer Inflationsrate von 1,1 %.