Produktionseinbruch verschärft sich im April

Statistiker melden Rekordminus - Berlin sieht aber konjunkturellen Tiefpunkt in Deutschland erreicht

Produktionseinbruch verschärft sich im April

ba Frankfurt – Die deutsche Industrie hat wegen der drastischen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie im April ihre Fertigung erheblich kräftiger gedrosselt als befürchtet. Sowohl Ökonomen als auch das Bundeswirtschaftsministerien sind aber überzeugt, dass der konjunkturelle Tiefpunkt damit erreicht ist und es in den kommenden Monaten wieder – wenn auch langsam – aufwärts geht. Dies signalisieren auch der Sentix-Konjunkturindex für Juni sowie die Ifo-Produktionserwartungen im Mai.Der Sentix-Gesamtindex für Deutschland hat kräftig zugelegt, die aktuelle Lage wurde etwas besser beurteilt als im Monat zuvor und die Erwartungskomponente ist zum dritten Mal in Folge gestiegen – sie notiert nun auf dem höchsten Wert seit März 2015. Die Anleger erwarteten, dass Deutschland binnen eines Jahres rund 64 % des Einbruchs in der Wirtschaftsleistung ausgleichen kann, kommentierte Sentix-Geschäftsführer Manfred Hübner. Für die Eurozone buchen die 1 173 befragten Anleger ein Wiederaufholen von 50 % ein. Laut der Umfrage des Ifo-Instituts erwartet die heimische Industrie in den kommenden drei Monaten einen weiteren, allerdings verlangsamten Produktionsrückgang. Der entsprechende Ifo-Index kletterte im Mai auf – 20,4 nach – 51,0 Punkten im April. Das sei zwar der größte Anstieg des Index zum Vormonat seit der Wiedervereinigung, bedeute aber nur, “dass der Sturzflug nun flacher wird”, betonte Ifo-Experte Klaus Wohlrabe.Vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamts (Destatis) zufolge haben Industrie, Bau und Energieversorger zusammen ihre Fertigung im April saisonbereinigt um 17,9 % im Monatsvergleich gedrosselt. Dies ist der kräftigste Einbruch seit Beginn der Datenreihe im Januar 1991. Ökonomen hatten ein Minus von 16,5 % erwartet, nachdem der Output im März um revidiert 8,9 (zuvor: 9,2) % abgesackt war. Das Wirtschaftsministerium verwies darauf, dass sich der Lockdown im April vollumfänglich in der Produktion bemerkbar gemacht habe, “mit der schrittweisen Lockerung der Schutzmaßnahmen und der Wiederaufnahme der Produktion in der Automobilindustrie” nun aber die wirtschaftliche Erholung einsetze.Denn ein Großteil des Fertigungsrückgangs rührt vom weitgehenden Produktionsstopp in der Automobilindustrie her – im Vergleich zum März weist Destatis einen Einbruch um 74,6 % aus. Da die Automobilproduktion im Mai wieder angefahren wurde, dürfte die Produktion des verarbeitenden Gewerbes insgesamt “bereits im Mai wieder deutlich zugelegt haben”, erwartet Commerzbank-Ökonom Ralph Solveen. Sollte sich die Statistik analog zu den bereits für Mai verfügbaren VDA-Zahlen zur Autoproduktion in Deutschland entwickeln, “spräche allein dies für einen Anstieg der Produktion in der Industrie im Mai von 6,5 %”, sagte Solveen. Thomas Gitzel, Chefökonom der VP Bank, warnt vor zu großer Euphorie. Wenn die Wirtschaft wieder anfahre, werde das Zahlenwerk entsprechend positiv ausfallen. Schon bald würden rekordverdächtige Zuwachsraten die Schlagzeilen dominieren: “Doch ein 20-prozentiges Wachstum entspricht nicht einem 20-prozentigen Einbruch – schlichtweg weil die jeweilige Basis eine andere ist”, erinnert Gitzel. Für Carsten Brzeski, Chefökonom bei ING Deutschland, verdeutlicht der beschleunigte Produktionsrückgang die wirtschaftlichen Kosten der Schutzmaßnahmen. Selbst das von Brzeski als “letzte Hochburg der Industrie” bezeichnete Baugewerbe erlitt im April einen Rückgang von 4,1 %. Die Energieerzeugung lag 7,2 % unter dem Vormonatsniveau. Die Industrie im engeren Sinne drosselte die Fertigung binnen Monatsfrist um 22,1 %. Nils Jannen vom IfW warnt, dass insbesondere die Hersteller von Investitionsgütern unter dem absehbar rau bleibenden Investitionsklima zu leiden hätten – wegen der anhaltenden Unsicherheit und der infolge der jüngsten Absatzeinbrüche geschwächten Eigenkapitalbasis vieler Unternehmen.