IM BLICKFELD

Spaniens Tourismusbranche schreibt die Sommersaison ab

Von Thilo Schäfer, Madrid Börsen-Zeitung, 6.5.2020 Die wenigen Bewohner von Formentera auf den Balearen und die der kleinen Kanareninseln El Hierro, La Gomera y La Graciosa können seit Montag wieder einen Kaffee oder ein Bier auf einer...

Spaniens Tourismusbranche schreibt die Sommersaison ab

Von Thilo Schäfer, MadridDie wenigen Bewohner von Formentera auf den Balearen und die der kleinen Kanareninseln El Hierro, La Gomera y La Graciosa können seit Montag wieder einen Kaffee oder ein Bier auf einer Außenterrasse der Gaststätten genießen. Auf den vier Eilanden, die vom Coronavirus weitgehend verschont geblieben sind, wurden die Lockerungen der harten Ausgangsbeschränkungen in Spanien vorgezogen. In die Freude über die wiedergewonnene Freiheit mischen sich aber Sorgen über die wirtschaftliche Zukunft. Denn noch weiß niemand, wann die Touristen zurückkommen.Die Kanarischen Inseln und die Balearen hängen besonders stark vom Tourismus ab, der gut ein Drittel ihrer Wirtschaftsleistung ausmacht. Die Insellage hat bei der Eindämmung der Pandemie geholfen. Doch aufgrund ihrer Abhängigkeit von Flugverbindungen werden die beiden Archipele nach einer Studie des spanischen Tourismusverbandes Exceltur von der Krise am stärksten betroffen sein. Die Organisation legte vergangene Woche ihre Berechnungen vor, wonach der Tourismus in diesem Jahr 92,5 Mrd. Euro weniger verdienen wird als 2019, ein Rückgang von 61 %.Das gilt für das bessere Szenario, wonach sich der Betrieb in der zweiten Jahreshälfte etwas erholt und etwa die Kanaren noch auf das Wintergeschäft hoffen können. Im schlimmsten Fall erhöht sich der Umsatzrückgang auf 124 Mrd. Euro. Die Sommersaison haben die Unternehmer weitgehend abgeschrieben.Der Tourismus ist der wichtigste Wirtschaftszweig Spaniens, mit einem Anteil von mehr als 12 % am BIP und mehr noch an der Beschäftigung. Volkswirte gehen daher davon aus, dass sich die spanischen Wirtschaft später als andere in Europa von den Folgen der Pandemie erholt. Nach der Finanzkrise von 2008, die in Spanien durch die Immobilienblase verstärkt wurde, war die Reisebranche der wichtigste Motor der Wiederbelebung. Rekordjahr 2019Die ausländischen Touristen strömten in immer größerer Zahl ins Land, zumal Konkurrenten im klassischen Geschäft mit Sand und Sonne wie die Türkei, Ägypten oder Tunesien mit den Auswirkungen des Terrorismus zu kämpfen hatten. Im letzten Jahr wurde mit fast 84 Millionen ausländischen Besuchern zum achten Mal in Folge ein neuer Rekord aufgestellt.Während kleine Geschäfte und Friseure seit dieser Woche wieder aufmachen dürfen, müssen sich Hotels und Gaststätten vorerst gedulden. Die Unternehmen äußerten sich sehr kritisch zu dem Vier-Stufen-Plan für den Übergang zur “neuen Normalität”, den die Regierung von Ministerpräsident Pedro Sánchez letzte Woche auf den Weg brachte. Der Plan eigne sich nicht, “um auf kurze Sicht touristische Aktivitäten zu beleben”, klagte Exceltur in einer Mitteilung. So dürfen Hotels in der nächsten Lockerungsphase zwar wieder öffnen, doch Gemeinschaftseinrichtungen wie Bar oder Pool müssen vorerst geschlossen bleiben. Solange außerdem die Spanier die eigene Provinz nicht verlassen dürfen, lohnt es sich für die Hoteliers kaum, ihre Türen aufzumachen.Maribel Rodríguez, Senior Vice President des World Travel & Tourism Council (WTTC), vermisst ebenfalls einen speziellen Plan für die Reisebranche in Spanien. “Die Unternehmen brauchen eine Perspektive”, sagte die Managerin dieses internationalen Branchenverbands. Im ersten Hilfspaket nach Verhängung des Alarmzustandes Mitte Mai hatte die Regierung eine eigene Kreditlinie von 400 Mill. Euro für den Tourismus bereitgestellt. Dabei ist es bis heute geblieben. Den Hotels, Restaurants und Reiseveranstaltern stehen dieselben Instrumente zur Verfügung wie dem Rest der Unternehmen, eine flexiblere Kurzarbeit und Kredite mit Deckung des staatlichen Instituts ICO. Exceltur fordert nun, dass 20 % dieser Darlehen mit staatlichen Garantien für die Branche reserviert werden.Die Reiseunternehmer beschweren sich über unzureichendes Gehör in der Regierung. “Es ist schade, dass die Ministerin für Industrie, Handel und Tourismus nicht zum Krisenkabinett gehört, das den Lockerungsfahrplan bestimmt”, meint Rodríguez. Die zuständige Ministerin, María Reyes Maroto, hat eingeräumt, dass der Tourismus “der letzte Wirtschaftszweig ist, der aus der Krise kommt”. Sie setzt zunächst auf Urlauber aus dem eigenen Land. Doch ist fraglich, wie stark die Reiselust und die Kaufkraft der Spanier durch die Pandemie beeinträchtigt werden. Spanien ist mit Italien das von Sars-CoV-2 am härtesten getroffene Land in Europa. Daher ist es nach Ansicht von Maroto ungemein wichtig, Spanien durch entsprechenden Auflagen als sicheres Reiseland zu positionieren. So könnte es an den Stränden Abstandsregeln geben.Die Unternehmer sind sich des Dilemmas, das erhöhte Vorkehrungen wegen Covid-19 verursachen, bewusst. Die Gäste brauchen einerseits das Gefühl, am Ferienort sicher zu sein. Andererseits schrecken Einschränkungen ab. “Die Leute sind verrückt danach zu verreisen”, erklärte Gabriel Escarrer, der Vorsitzende der Hotelgruppe Meliá, der “Mallorca Zeitung”. “Aber ich glaube auch, dass es eine Illusion ist, von jeglicher Art von Urlaub zu sprechen, bis wir nicht in den Zielgebieten dieses Sicherheitsgefühl vermitteln können”, sagte der Chef des Konzerns aus dem Schwergewichtsindex Ibex 35, der seit Jahresbeginn die Hälfte seines Börsenwerts verloren hat.