NOTIERT IN TOKIO

Stigma und Strukturen

In Grenzsituationen wie einer Pandemie tritt das Gute und das Schlechte im Menschen zutage. In Japan ist das nicht anders, aber mit kulturellen Unterschieden. Während zum Beispiel in Italien die Bürger abends auf den Balkonen symbolisch den Ärzten...

Stigma und Strukturen

In Grenzsituationen wie einer Pandemie tritt das Gute und das Schlechte im Menschen zutage. In Japan ist das nicht anders, aber mit kulturellen Unterschieden. Während zum Beispiel in Italien die Bürger abends auf den Balkonen symbolisch den Ärzten und Pflegern in den Krankenhäusern Beifall spendeten, erleben Angehörige des medizinischen Personals in Japan gerade vielfältige Ausgrenzungen. Aus Angst vor Covid-19 verscheuchten Mütter eine Krankenschwester und deren Kinder aus einem öffentlichen Park. Pflegekräfte wurden in ihren Stammlokalen abgewiesen, Taxifahrer verweigerten die Mitnahme. Kleinkinder von Krankenpflegern sind in einigen Tagesstätten nicht mehr willkommen. Der Ehemann einer Pflegerin wurde in einem Vorstellungsgespräch wegen der Arbeit seiner Frau in einer Covid-19-Station abgelehnt. Auch berichten einige Coronapatienten und ihre Angehörigen, dass sie gemobbt werden. Aus Angst vor Stigmatisierung gehen einige Erkrankte sogar nicht zum Arzt. Im April fand die Polizei ein Dutzend einsam Verstorbener, deren Leichen positiv auf das Coronavirus getestet wurden. *Solche Diskriminierung hat hierzulande leider eine lange Tradition, die in einem religiösen Konzept von Reinheit im japanischen Shinto-Glauben wurzelt. Im Mittelalter galten Gerber und Metzger wegen ihrer Arbeit mit Blut als unberührbar und wohnten in getrennten Vierteln samt eigenen Friedhöfen. Nach den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki wurden Überlebende und ihre Angehörigen wie Aussätzige gemieden und fanden nur schwer Jobs und Wohnungen. Zuletzt traf dieses Schicksal die evakuierten Bewohner der Sperrzone um das zerstörte AKW Fukushima. Aber kommen wir nun endlich zum Guten: Diesmal wird in Japan die Ausgrenzung nicht verschwiegen oder geduldet. Premier Shinzo Abe persönlich prangerte die Vorfälle als beschämend an. Ein Hersteller von Schokolade aus Kyoto startete eine Geschenkinitiative. Kunden können über eine Webseite Schokopräsente an Ärzte und Pfleger in Coronastationen schicken. *Kulturkluften öffnen sich auch in der Bewertung der Regierungsleistung. Laut einer Umfrage des PR-Unternehmens Kekst CNC in sieben Ländern stufen die Japaner die Wirksamkeit der staatlichen Maßnahmen gegen die Pandemie am geringsten ein. Dabei zählt Japan bisher erst 16 000 positive Tests und knapp 700 Tote, also jeweils elf Mal weniger als in Deutschland. Die Ausgangsbeschränkungen fielen im Vergleich zu Deutschland zudem recht milde aus. Trotzdem mögen die Japaner – anders als die Deutschen – ihren Institutionen kaum Anerkennung zollen. Die Befragung ermittelte keine Gründe für die enorme Unzufriedenheit. Aber wer die japanische Presse liest, wird schnell fündig. Die zügig verabschiedeten Hilfen kommen bei den Betroffenen nämlich nicht an. Der bürokratische Aufwand ist so groß, dass bis zu einer Auszahlung Monate vergehen. Von einem Onlineantrag können Japaner nur träumen. Und die Regierung hat sich kaum Gedanken über die Folgen ihres Handelns gemacht. Erst seit dieser Woche denkt Premier Abe über Miet- und Gehaltszuschüsse für Kleinbetriebe und Geschäfte nach, die wegen des Notstandes schließen mussten.Der zweite Grund, warum die Japaner ihre Regierung so schlecht benoten: Der drohende Kollaps der Notfallmedizin durch zu viele Coronainfizierte wirkt hausgemacht. Das Seuchengesetz schrieb bis vor einigen Tagen vor, dass jeder Infizierte stationär aufgenommen werden muss, egal ob und mit welchen Symptomen. Eine Entlassung ist erst nach zwei negativen Tests erlaubt. Zugleich gibt es landesweit nur wenige Seuchenstationen mit Schutzausrüstungen und Luftdruckschleuse. Die Folge: Die wenigen Betten sind oft von symptomfreien Infizierten belegt. Solche Strukturen sind eben nicht für viele Covid-Patienten gemacht. Zudem dürfen nur zertifizierte Stellen den Virustest machen. Damit sie nicht überrannt werden, gelten hohe Anforderungen, darunter vier Tage lang Fieber über 37,5 Grad. Dies erklärt die geringe Zahl von Tests in Japan. Erst jetzt wird dies geändert.