Ted Cruz sucht Visitenkarte von Cambridge Analytica
Ted Cruz sucht Visitenkarte von Cambridge Analytica
Was geht in diesen Tagen wohl im Kopf von Ted Cruz vor? Der republikanische Senator aus Texas bereitet sich gerade auf die Midterm-Wahlen im November vor, wenn er seinen Sitz in der ersten US-Kongresskammer verteidigen muss. Seit dem Wochenende dürfte Cruz allerdings auch wieder an den Vorwahlkampf der Republikaner zur Präsidentschaftswahl 2016 zurückdenken, in der er zusammen mit dem gesamten Establishment der Partei an Donald Trump, einem windigen Immobilienunternehmer aus New York, gescheitert ist. Wie Cruz jetzt aus den Medien erfahren muss, hat Trump seinen Erfolg im Wahlkampf gegen Hillary Clinton vor allem einem New Yorker Datenspezialisten zu verdanken, der mit Hilfe der Daten von bis zu 50 Millionen Facebook-Nutzern so etwas wie ein gläsernes Wahlregister für Kampagnenmanager gebastelt hat. Cambridge Analytica heißt die Firma, nach deren Visitenkarte Cruz in den vergangenen Tagen wieder gesucht haben dürfte. Denn die gleiche Firma hatte den Senator aus Texas noch im Vorwahlkampf gegen den späteren Präsidentschaftskandidaten unterstützt, bis der Hedgefondsgründer und Milliardär Robert Mercer, der hinter Cambridge Analytica steckt, in das Lager von Trump gewechselt war, weil Cruz keine Chance gegen den krakeelenden Selfmade-Milliardär mit den schlechten Manieren hatte. *Wie konnte sich Trump 2016 gegen Cruz und Cambridge Analytica durchsetzen, obwohl die Datenzauberer angeblich über sogenannte psychografische Profile von Millionen US-Amerikanern verfügen, mit denen sie sich Wählerstimmen und jedenfalls Wahlergebnisse fast beliebig gefügig machen können, wie die aufgeregte Berichterstattung über die unerlaubte Auswertung von Facebook-Daten durch die Politikmarketingfirma in den vergangenen Tagen stellenweise nahegelegt hat? Zugegeben, der erzkonservative Cruz war vielen Wählern wohl noch schwerer zu vermitteln als Trump, der unterhaltsame Senior mit orangem Teint und goldgeföhntem Haar. Hinzu kommt, dass sich die Analysen von Cambridge Analytica eben als weit weniger effektiv erwiesen haben als erhofft, wie ehemalige Mitarbeiter der Kampagne berichten. Mehr als die Hälfte der Wähler, welche die Modelle von Cambridge Analytica im Bundesstaat Oklahoma als potenzielle Cruz-Wähler identifizierten, hätten einen anderen Kandidaten vorgezogen, erinnert sich Rick Tyler, ein früherer Mitarbeiter des Senators. Nach der Vorwahl im Bundesstaat South Carolina, die Trump im Februar 2016 mit 10 Punkten Abstand gewann, verzichtete Cruz` Wahlkampfteam ganz auf die Daten der New Yorker Firma, die 2013 als Tochter der britischen SCL Group gegründet wurde. *”Was sie machen, ist Mist”, urteilt der ehemalige Facebook-Mitarbeiter Antonio Garcia Martinez über die Fähigkeiten von Cambridge Analytica. Ähnliche Versuche habe es schon früher gegeben, und es geben keinen Grund, zu glauben, dass diese Analysen besonders leistungsfähig seien, sagt Martinez, der bei Facebook das Geschäft rund um gezielte Online-Werbung mit aufgebaut hat. Experten bezweifeln deshalb, dass die rund 15 Mill. Dollar, die das Wahlkampfteam von Trump und andere politische Organisationen 2016 für die Hilfe von Cambridge Analytica ausgegeben haben, wirklich so gut angelegt waren, wie es CEO Alexander Nix einen Undercover-Journalisten des britischen TV-Senders Channel 4 glauben machen wollte, der sich als potenzieller Geschäftspartner ausgegeben hatte. Mittlerweile ist Nix suspendiert, und Cambridge Analytica hat mitgeteilt, dass die von Nix gegenüber Channel 4 gemachten Aussagen nicht den Wertvorstellungen des Unternehmens entsprechen. Was die Firma nicht sagt, aber wohl mit zur Wahrheit gehört, ist, dass Cambridge Analytica für ihre Kunden weit weniger zu leisten imstande ist, als der Eaton-Absolvent an der Unternehmensspitze im Verkaufsgespräch mit Channel 4 suggeriert hat. Der Missbrauch der Daten von mehr als 50 Millionen Facebook-Nutzern muss untersucht werden. Ted Cruz sollte sich derweil nicht grämen und braucht auch nicht weiter nach der Visitenkarte von Alexander Nix zu suchen.