NOTIERT IN WASHINGTON

Unverzeihliche Entgleisung

Viele sprechen von dem schwierigsten Job in Washington, den sonst keiner annehmen würde. Regierungssprecher Sean Spicer dagegen scheint das grelle Rampenlicht zu genießen, selbst wenn es ihn keineswegs immer gut aussehen lässt. Während der ersten...

Unverzeihliche Entgleisung

Viele sprechen von dem schwierigsten Job in Washington, den sonst keiner annehmen würde. Regierungssprecher Sean Spicer dagegen scheint das grelle Rampenlicht zu genießen, selbst wenn es ihn keineswegs immer gut aussehen lässt. Während der ersten knapp drei Monate im Amt ist Spicer in den USA zum Fernsehstar aufgestiegen, wenn auch zu einem höchst umstrittenen. Denn Donald Trumps Sprecher hat Reporter beleidigt, die Twitter-Tiraden des Präsidenten verteidigt und energisch bestritten, dass es sich bei dem Einreiseverbot für Personen aus sieben vorwiegend muslimischen Ländern um religiöse Diskriminierung handelt.Aus gutem Grund sind aber seine Auftritte bei den täglichen Briefings in dem kleinen, beengten Presseraum des Weißen Hauses zu Fernsehereignissen geworden. Das Publikum wartet nämlich immer gespannt darauf, wie Spicer versuchen wird, erneut unbestreitbare Fakten in Abrede zu stellen und sich mit windungsreichen Formulierungen rhetorisch ein weiteres Mal aus der Schlinge zu ziehen.Bei den Medienbriefings konfrontieren Pressevertreter den Regierungssprecher sachlich, aber direkt mit den oft widersprüchlichen Aussagen und – etwas seltener gewordenen – Entgleisungen seines Chefs. Spicer aber zieht es in der Regel vor, die Fragen häufig obskurer, ihm wohlgesonnener und tendenziell rechtsgerichteter Onlinemedien wie Breitbart oder Infowars zu beantworten, die den Präsidenten und dessen Regierung mit Samthandschuhen anfassen.Am Dienstag aber schlug Spicer mit einer unverzeihlichen Entgleisung über die Stränge und muss nun um seinen Job bangen. Ausgerechnet am ersten Tag des Passahfests machte er nämlich eine Bemerkung, die so gedeutet wurde, als sei nach seiner Einschätzung der Holocaust nicht so schlimm gewesen wie jene Kriegsverbrechen, die sich Syriens Präsident Baschar al-Assad mit dem Einsatz von C-Waffen gegen Zivilisten zuschulden kommen ließ. Bei der Frage nach Washingtons Kursverschärfung gegenüber Damaskus sagte er: “Nicht einmal Hitler sank so tief, dass er Giftgas eingesetzt hat” und begründete damit die jüngsten Luftangriffe sowie die harte Position, die der Präsident gegenüber dem syrischen Machthaber bezogen hat. Dass er damit den Eindruck erweckte, als verharmlose er die Vergasung von Millionen von Menschen während des Zweiten Weltkriegs, löste einen beispiellosen Sturm der Entrüstung aus. Sobald Spicer darauf hingewiesen wurde, dass die Aussagen ein weltweites Publikum brüskieren könnten, war er um Krisenmanagement bemüht. Vermutlich in Anspielung auf die Konzentrationslager meinte er, dass Hitler zwar Menschen “in Holocaust-Zentren” gebracht habe, “er aber nicht Giftgas gegen sein eigenes Volk so einsetzte, wie Assad dies getan hat”.Die anschließenden Entschuldigungen kamen eindeutig zu spät. In sozialen Medien wurde der kontroverse Sprecher gnadenlos verrissen, und Rücktrittsforderungen kamen von allen Seiten. Steven Goldstein, Direktor des Anne Frank Zentrums, forderte Spicer auf, sofort den Hut zu nehmen. “Bei dieser faktischen Leugnung des Holocaust hat er die anstößigste Form von Fake News verbreitet, die man sich vorstellen kann”, schimpfte Goldstein und fügte hinzu, dass es dem Regierungssprecher “an der notwendigen Integrität fehlt, um sein Amt auszuüben”.Ob er weiterhin das Sprachrohr des Präsidenten bleibt, der angeblich jede tägliche Presseveranstaltung live mitverfolgt und Spicer anschließend ins Oval Office bittet, um ihn entweder zu loben oder zu tadeln, ist ungewiss. Nicht auszuschließen ist, dass die berufliche Zukunft des 45-Jährigen vom Schwiegersohn des Präsidenten abhängen wird. Jared Kushner ist selbst orthodoxer Jude und hat auch Ehefrau Ivanka zum Judentum bekehrt. Kaum ein anderer Berater hat so viel Einfluss auf die Entscheidungen des Präsidenten wie Ivanka und Jared, die sich bisher zu Spicers Fauxpas nicht geäußert haben. Die wenigen Republikaner, die ihn in Schutz nahmen, stellten wohlwollend fest, dass der Fehltritt lediglich kolossal ungeschickt, nicht aber bösartig gewesen sei. Sie meinen, dass Spicer seine Stelle durchaus behalten könnte. Nicht zuletzt deswegen, weil niemand anders den undankbarsten Job in Washington haben will.