NOTIERT IN STUTTGART

Visionen im Hotel Rössle

Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen, sagte Helmut Schmidt einst. Das hält Politiker aber bis heute nicht davon ab, Ideen als Visionen zu bezeichnen, um ihnen einen revolutionären Anstrich zu geben, der meist trügt. Stuttgarter Politiker...

Visionen im Hotel Rössle

Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen, sagte Helmut Schmidt einst. Das hält Politiker aber bis heute nicht davon ab, Ideen als Visionen zu bezeichnen, um ihnen einen revolutionären Anstrich zu geben, der meist trügt. Stuttgarter Politiker beschäftigen sich beispielsweise schon immer gerne mit Visionen für die Zukunft ihrer Stadt. Nun ist der Kessel durch Stuttgart 21 endgültig zur Dauerbaustelle mutiert, der Titel als Deutschlands größter Ballungsraum für Feinstaub ist jedes Jahr sicher und auf den berühmten Stuttgarter Staus bauen mittlerweile ganze “Tatort”-Drehbücher auf. Genügend Gründe also, sich einmal mehr mit der Bewältigung des Verkehrsproblems zu beschäftigen. Und weil Schwaben als fleißig gelten, soll die “Vision Stuttgart 2030” gleich noch die Themen Weltoffenheit, soziale Stadt, Wohnen und Klimaschutz abschließend behandeln.Die Frage nach dem Stuttgart der Zukunft ist eine so grundsätzliche, dass der Gemeinderat eine Klausurtagung zu ihrer Erörterung für notwendig hielt. Die Vision, äh, Idee dazu hatte die CDU-Fraktion in einem Antrag im April 2016 zur Mobilitätsinfrastruktur aufgeworfen. Die Klausur fand im Mai dann auch statt, und zwar im Hotel Rössle in Stimpfach-Rechenberg, das genauso idyllisch liegt, wie es klingt (Ostalbkreis, vier Sterne bei Tripadvisor, die Küche wird in den Kommentaren hoch gelobt). Allein: Die Sitzung war ein Desaster, wie nun bekannt wurde. Was angesichts der präzise und konkret formulierten Diskussionsgrundlagen von allen Seiten doch überrascht.Schon die von Alexander Kotz, Fraktionschef der CDU, ersonnene erste Projektüberschrift “Die Zukunft der Stadt sind die Ideen der CDU” klang umwerfend. Einfacher kann man es den Kollegen im Gemeinderat ja gar nicht machen. Aber die freundliche Hilfestellung wurde ignoriert. Stattdessen formulierte der grüne Oberbürgermeister Fritz Kuhn “Eine Vision für Stuttgart” gegen Kotz’ Vorschlag an und forderte darin urbaneren Städtebau: “Wir wollen eine Stadt sein, die zum Verweilen einlädt und nicht zum Durchrauschen”, schrieb er. Noch konkreter war die Positionierung von “Stuttgart als Wohlfühlstadt” oder Stadt “zwischen Wald und Reben”. Immerhin wird die Zukunft ja aus Mut gemacht, und das bedeutet in der Lesart der Grünen: nicht von der CDU.Die SPD verzichtete darauf, zur verabredeten zweiten Sitzung nach der Sommerpause noch bessere Vorschläge einzureichen. Ja, die Zukunft braucht neue Ideen, und auch einen, der sie durchsetzt, aber angesichts der ausgeklügelten Arbeitsvorlagen der Grünen und der CDU fühlte sich die SPD offenbar nicht direkt unter Zugzwang. CDU-Mann Kotz dagegen schimpfte weiter und bezeichnete Kuhns Ausarbeitung als viel zu detailliert für eine Zukunftsdebatte. Kotz vermisste, was auch immer er damit meinte, “Flughöhe” für das Projekt und Ziele wie eine “smarte und intelligente City- und Wirtschaftslogistik”. Außerdem wollte er, ganz generell, doch mal über Stuttgart als “Stadt des Geistes und der Kultur” debattieren. Wer im Kessel, also zwischen Wald und Reben lebt, der weiß: Wenig ist dringlicher als genau diese Debatte.Kotz erbarmte sich also der Kuhn’schen Vision und ergänzte sie um weitere eigene Ideen und die Verbesserungsvorschläge der im Gegensatz zur SPD kooperationswilligen Fraktion SÖS/Linke-plus (Wählergruppe Stuttgart Ökologisch Sozial, die Linke, die Piratenpartei und die Studentische Liste) sowie der Freien Wähler. Vielleicht und in welcher Form auch immer verpasste er der Vision sogar “Flughöhe”. Kotz überschrieb das neue Dokument dann selbsterklärend mit “Stuttgarter Geist 2030”. Es kann sich dahinter nur ein Stuttgart, in dem man gut und gerne leben will, verbergen. Die Ziele seien nun konkreter formuliert, darauf lasse sich aufbauen.Der aktuelle und offizielle Status der Debatte um die seit Jahrzehnten diskutierte Verbesserung der Stuttgarter Infrastruktur: Es herrsche im Herbst 2017 “Einigkeit”, einen “strukturierten, mehrjährigen Prozess einer Vision 2030 für Stuttgart zu beginnen”, nachdem im Hotel Rössle immerhin “eine Übereinstimmung in den großen Linien” zustande gekommen sei. Es muss sich dabei um die Übereinstimmung handeln, dass aus der wirklich vorzüglichen Karte des Rössle doch der Zwiebelrostbraten heraussticht.