Wie sich die Russen selbst europäisieren
Wie sich die Russen selbst europäisieren
Alle paar Jahre wieder kommt die Welt zu Gast nach Russland. Und alle paar Jahre wieder sieht sich die Regierung dazu veranlasst, trotz der sonst isolationistischen Tendenzen das Land und seine Menschen als offen und weltgewandt zu präsentieren. Das war schon im Jahr 2014 so, als die Olympischen Winterspiele in Sotschi über die Bühne gingen. Und das ist jetzt, im Zusammenhang mit der Fußballweltmeisterschaft 2018, abermals ähnlich. Als besonderen Ausdruck der Gastfreundschaft hat die Moskauer Regierung den Taxifahrern quasi von oben geraten, in den verbliebenen Monaten bis Sommer doch noch schnell Englisch zu lernen, wie aus dem offiziellen Portal der Stadtregierung hervorgeht. Wenigstens die wichtigsten Standardphrasen sollten sie können, meint Vizebürgermeisterin Maxima Liksutowa – etwa die Informationen zu den Fahrttarifen und der Fahrtdauer.Na, wenn’s weiter nichts ist! Das müsste sich doch ausgehen. Zumindest nicht schwerer als die Erfüllung der anderen Anforderungen an die Taxifahrer, so sie mit ihrer Kundschaft bis zu den Stadien vorgelassen werden wollen: Ihre Autos dürfen nicht älter als vier Jahre sein, und die vom Fahrer akkumulierten Verkehrsstrafen müssten noch vor Beginn der WM beglichen werden. Allemal ein Stück Europa und europäischer Denke also in einer Zeit, in der die Konfrontation mit dem Westen Konjunktur hat und der gegenseitige Touristenstrom aus geopolitischen Gründen und im Falle der Russen auch aufgrund der Rubel-Abwertung frappant zurückgegangen ist. Wobei man nicht vergessen darf, dass 72 % der Russen ja nicht einmal einen Auslandsreisepass haben und der Großteil der Einwohner also noch nie im Ausland war.Dennoch lässt sich eine sukzessive und subtile Annäherung an westliche Standards und Gewohnheiten festmachen. Und zwar nicht nur anhand der englischen Taxilenkerphrasen. Auch im Konsumverhalten gleichen sich die Russen immer mehr den Europäern an, wie der Wirtschaftsprüfer Deloitte dieser Tage in einer Studie namens “Neujahr und Weihnachten 2018” (Weihnachten wird in Russland Anfang Januar, also nach Neujahr gefeiert) aufzeigte.Generell zeigt sich, dass vorweihnachtliche Kauffreudigkeit um sich greift: Der durchschnittliche Weihnachtseinkauf beträgt derzeit laut Deloitte 17 600 Rubel (253 Euro) pro Person und damit mehr als vor Beginn der Wirtschaftskrise 2014. Die Russen, die mehrere Jahre Reallohnverluste hinter sich haben und nach dem vorherigen Kaufrausch auf Sparen umgestellt haben, beginnen nun wieder tiefer in die Tasche zu greifen. Was die besagte “Europäisierung” im Kaufverhalten betrifft, so wird diese laut Deloitte an mehreren anderen Punkten offensichtlich. Einer davon ist, dass die Russen von Jahr zu Jahr früher mit den Weihnachtseinkäufen beginnen und hierin zu einer europäischen Praxis aufschließen – ein Faktum, das allerdings auch von der Angebots- und Rabattpolitik der Handelsketten mitbestimmt werde.Aber nicht nur in der Zeiteinteilung beobachtet Deloitte eine Europäisierung. Auch im Warenkorb gleiche sich der Russe dem Westen an: Und zwar dadurch, dass er beim Schenken immer pragmatischer und rationaler werde. Heißt etwa, dass Büchergeschenke populärer werden und nun zu den zehn beliebtesten Geschenken gehören. In der ersten Dezemberwoche seien die Bücherbestellungen um 24 % über den Vorjahreswert geklettert, behauptet der landesweit führende Versandhändler Ozon.ru. In den meisten europäischen Ländern gehören Bücher zu den beliebtesten Geschenken.Es sei eine grundlegende Veränderung im Kaufverhalten in Gang, erklären Handelsvertreter und bestätigen damit die Deloitte-Studie, in der davon die Rede ist, dass die Russen im Unterschied zu früher und aus der Lehre der Wirtschaftskrise heraus ihre Ausgaben penibler kontrollieren und den Ausgabenplan kaum noch überschreiten. Die Preise werden verglichen, Angebote gesucht, die Anzahl der spontanen Käufe gehe zurück.Früher hatte man noch nicht Erbsen gezählt. Früher hatte man gekauft, was das Zeug hielt. Und man hatte den Europäern vorgeworfen, dass sie berechnend und viel zu wenig spontan seien. Zumindest im Konsum werden die Russen heute selbst zu den besseren Europäern.