LEITARTIKEL

Am Boden

Wer sich ein Bild davon machen möchte, was die Coronakrise derzeit für Folgen für die Fluggesellschaften weltweit hat, dem sei eine Fahrt zum Frankfurter Flughafen empfohlen. Auf der Landebahn Nordwest, wo sonst im Minutentakt Flieger landen, ist...

Am Boden

Wer sich ein Bild davon machen möchte, was die Coronakrise derzeit für Folgen für die Fluggesellschaften weltweit hat, dem sei eine Fahrt zum Frankfurter Flughafen empfohlen. Auf der Landebahn Nordwest, wo sonst im Minutentakt Flieger landen, ist momentan ein Teil der Lufthansa-Flotte geparkt. Ein Riesenjet reiht sich an den nächsten, ein gewöhnungsbedürftiger Anblick. Sonst sucht die Branche händeringend nach Start- und Landerechten an den aus allen Nähten platzenden großen Flughäfen, jetzt sind die Airlines mit gleicher Dringlichkeit auf der Suche nach Parkplätzen für ihre Maschinen, die nicht mehr gebraucht werden. Und davon gibt es viele. Lufthansa hat den Flugplan um 95 % zusammengestrichen, auch alle anderen Airlines fliegen kaum noch. Einen ähnliches Grounding hat die Branche noch nie erlebt. Selbst nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 fiel der Flugverkehr nur für drei Tage aus – in den USA.Viele Fluglinien dürften den Stillstand nicht lange durchhalten. In der kapitalintensiven Branche sind die Liquiditätsdecken in der Regel dünn, die Unternehmen sind auf regelmäßige Mittelzuflüsse angewiesen. Derzeit gehen so gut wie keine Buchungen mehr ein, also auch kein Geld. Nun geht es vor allem darum, die Cash-Abflüsse zu begrenzen. Das gelingt Unternehmen wie Lufthansa, die einen Großteil ihrer Flotte besitzen, besser als solchen, die Monat für Monat Leasingraten berappen müssen. Beschäftigte gehen in Kurzarbeit, Dividenden werden gestrichen, Investitionen zurückgefahren. Im Moment verhandeln nahezu alle Airlines mit Airbus und Boeing über die Verschiebung von Flugzeugauslieferungen. Kein Wunder also, dass Airbus kürzlich dafür plädierte, die Fluglinien mit öffentlichen Mitteln zu stützen. Allerdings darf es dabei nicht nur um kurzfristige finanzielle Unterstützung gehen. Gerade die Politik in Europa muss bald zusammen mit den Airlines überlegen, wie eine europäische Luftfahrtindustrie global bestehen will angesichts milliardenschwerer Hilfspakete etwa für die US-Konkurrenten und der damit einhergehenden Wettbewerbsverzerrung.Der Airline-Verband IATA schätzt, dass den Fluggesellschaften weltweit in diesem Jahr mehr als 250 Mrd. Dollar an Umsatz wegbrechen. Das wären rund 30 % der 2019 erwirtschafteten Erlöse von 838 Mrd. Dollar. “Vergesst 2020, sehnt 2021 herbei”, empfahl vor wenigen Tagen ein Analyst den Airline-Investoren. Wenn das so einfach wäre. Noch ist ungewiss, welche Fluglinien das laufende Jahr überhaupt überleben werden. Wer auf dicken Liquiditätspolstern sitzt wie Lufthansa oder die International Airlines Group (IAG) gilt als krisenfest, auch Air France-KLM, Ryanair oder Easyjet haben gute Aussichten. Den amerikanischen Airlines wird die US-Regierung unter die Arme greifen, auch um die chinesischen Carrier muss einem nicht bange sein und ebenso wenig um viele Wettbewerber aus den Golfstaaten. Für zuvor bereits angeschlagene Branchenvertreter wie Norwegian Air, South African Airways oder Air India könnte es eng werden, zumal wenn bei Kandidaten wie den beiden Letztgenannten der jeweilige Heimatstaat als Unterstützer ausfällt, weil er angesichts der Coronakrise vor ganz anderen gewaltigen Herausforderungen steht als der Rettung einer Airline.Doch auch die Überlebenden der Krise werden sich auf eine veränderte Situation einstellen müssen. Versetzt die Coronakrise der Weltwirtschaft einen kräftigen Dämpfer – und davon ist auszugehen -, dann wird das auch Folgen für die Luftfahrtindustrie haben. Schwächt sich die Wirtschaft ab, kommt das in der Regel mit dem Faktor zwei bei den Airlines an. Die Branche wird in der Zeit nach Corona kleiner sein – weil die wegfallen, die die Krise nicht überlebt haben, aber auch weil Konzerne wie die Lufthansa geschrumpft sein dürften. Und dabei ist noch nicht eingerechnet, dass sich vielleicht manche aktuell aus der Not geborene Verhaltensweise – Telefonkonferenzen statt Präsenz-Meeting – festsetzt, was den Airlines weniger Geschäftsreisende bescheren wird. Vielleicht werden ja auch Aktivitäten der Fluglinien wie Inlandsflüge, die in Zeiten des zunehmenden Umweltbewusstseins eh in der Kritik standen, nach der Krise nur noch mit eingedampftem Angebot geflogen.Womöglich dauert es auch ein Weilchen, bis sich angesichts von Kurzarbeit und zunehmender Arbeitslosigkeit der ein oder andere wieder eine Flugreise leisten kann. Denn die Preise fürs Fliegen dürften steigen, wenn weniger Wettbewerber am Start sind. Das ist die gute Nachricht: Die Krise wird dem ruinösen Preiswettbewerb ein Ende setzen, zumindest vorläufig. Das wird die Überlebenden stärken.——Von Lisa SchmelzerViele Fluglinien dürften den Stillstand nicht lange durchhalten. Derzeit gehen so gut wie keine Buchungen mehr ein, also auch kein Geld.——