Aufmerksamkeitsdefizite
Aufmerksamkeitsdefizite
Als der Architekt Georg Franck im Jahre 1998 mit seinem Buch über die “Ökonomie der Aufmerksamkeit” den Begriff einführte, sollte es noch sechs Jahre dauern, bis der Internetkonzern Facebook gegründet wurde. Doch auch wenn Franck nicht die Geschäftsmodelle von sozialen Medien im Internet beschreiben wollte, ist es seither keiner anderen Branche und wohl niemandem so gut wie Facebook gelungen, Aufmerksamkeit zu einem ökonomischen Gut zu machen. Das soziale Netzwerk hat sich zu einer Aufmerksamkeitsmaschine mit mehr als zwei Milliarden Mitgliedern und einem Börsenwert von gut 500 Mrd. Dollar entwickelt.Sicher, der Unternehmenszweck besteht vor allem darin, die Menschen miteinander zu verbinden, wie Firmengründer und CEO Mark Zuckerberg häufig betont. Doch von Anfang an gehörten Elemente wie der “Like”-Knopf dazu, die vor allem darauf abzielten, die Nutzer süchtig nach der permanenten Bestätigung durch die “Likes” ihre Zeitgenossen zu machen. Denn mit jedem geteilten und von den Freunden goutierten Bild, Video oder Kommentar schaffen die Nutzer auf dem Netzwerk Aufmerksamkeit, die an Werbekunden verkauft wird. Und weil der Internetkonzern dabei eine Fülle von Daten sammelt, kann kein anderes Unternehmen diese Aufmerksamkeit so gezielt wie Facebook anbieten. Nicht von ungefähr sind die Werbeerlöse des Konzerns zuletzt meist schneller als die Nutzerzahlen gestiegen.Die Ökonomie der Aufmerksamkeit gedeiht vor allem da, wo es ein gehöriges Aufmerksamkeitsdefizit für die Belange des Datenschutzes gibt. Das zeigt auch die jüngste Affäre um Facebook und die Politmarketingfirma Cambridge Analytica. Die Aktie von Facebook wurde in der vergangenen Woche um mehr als 10 % zurückgestuft und stand zum Wochenauftakt erneut unter Druck, weil vor wenigen Tagen bekannt wurde, dass die Politikberater bereits im Jahre 2015 ohne Erlaubnis Zugriff auf die Daten von bis zu 50 Millionen Facebook-Nutzern erhalten haben. Die Empörung ist erheblich, nicht zuletzt weil Cambridge Analytica, hinter der der Milliardär Robert Mercer steht, im US-Präsidentschaftswahlkampf 2016 mit Hilfe der Facebook-Daten wahre Wunderdinge für den späteren Sieger Donald Trump vollbracht haben soll. Sein Vorgänger, Barack Obama, wurde 2008 noch für seine smarte Digitalkampagne gefeiert, die sich ebenfalls auf Daten von sozialen Medien stützte, um möglichst viele Wähler zu mobilisieren. Obamas Wahlkampfteam hatte diese Daten mit Autorisierung genutzt. Aus Sicht der Verbraucher dürfte der Zugriff aber so intransparent wie der von Cambridge Analytica erfolgt sein.Die Sorge von Investoren ist jetzt, dass sowohl Nutzer als auch Regulierungsbehörden ihre Aufmerksamkeit für den Datenschutz schärfen und nicht nur dem Geschäftsmodell von Facebook ordentlich zusetzen werden. Auch die Google-Mutter Alphabet sowie der Kurznachrichtendienst Twitter und die Instant-Messaging-App Snap, die ihr Geschäft ebenfalls mit der Aufmerksamkeit ihrer Nutzer machen, standen in den vergangenen Tagen aus diesem Grund unter Druck.Tatsächlich droht Facebook nicht nur in der Europäischen Union Ärger, wo das Europäische Parlament eine Untersuchung angekündigt hat und auch der britische Datenschutzbeauftragte bereits ermittelt. In den USA dürfte Zuckerberg ebenfalls nicht um eine Abreibung vor dem Kongress herumkommen. Neben den Staatsanwaltschaften mehrerer Bundesstaaten ermittelt auch die Wettbewerbsbehörde FTC. Der Sonderermittler des Justizministeriums zur Beeinflussung der Präsidentschaftswahl 2016, Robert Mueller, soll sich ebenfalls mit der Angelegenheit beschäftigen. Daneben wächst die Angst, dass die Nutzer Facebook schon bald weniger Aufmerksamkeit als die Ermittlungsbehörden entgegenbringen könnten. Doch während im Netz der Hashtag “Delete Facebook” umgeht, hat der Konzern mit der Foto-App Instagram und dem Messaging-Dienst Whatsapp schon längst zwei weitere Aufmerksamkeitsmaschinen ins Laufen gebracht.Das Aufmerksamkeitsdefizit, das Investoren von Facebook am meisten zu denken geben sollte, betrifft die Unternehmensführung. Ganze fünf Tage hat es gedauert, bis Zuckerberg in der vergangenen Woche zu den Enthüllungen rund um Cambridge Analytica Stellung bezog. Das Krisenmanagement habe gute Chancen, noch in 30 Jahren als Fallstudie dafür herangezogen zu werden, wie man es nicht macht, spotten Experten. Das ist nicht die Art von Aufmerksamkeit, die sich Facebook wünscht.—-Von Stefan ParaviciniFacebook ist einer der ersten Vertreter einer Ökonomie der Aufmerksamkeit. Eine Affäre um Datenschutz zeigt erhebliche Aufmerksamkeitsdefizite. —-