LEITARTIKEL

Der ID3 muss gelingen

Die Angabe von Jahreszielen ist für Unternehmen in der laufenden Bilanzsaison eine diffizile Angelegenheit, wie der vorläufige Verzicht des iPhone-Herstellers Apple auf eine neue Prognose gezeigt hat - erst recht, wenn es bei funktionierenden...

Der ID3 muss gelingen

Die Angabe von Jahreszielen ist für Unternehmen in der laufenden Bilanzsaison eine diffizile Angelegenheit, wie der vorläufige Verzicht des iPhone-Herstellers Apple auf eine neue Prognose gezeigt hat – erst recht, wenn es bei funktionierenden Lieferketten, bei Produktion und Absatz wesentlich auf China ankommt, wo die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus am weitesten vorangeschritten ist. Präsident Xi Jinping spricht von der größten Gesundheitskrise seit Gründung der Volksrepublik 1949 – mit noch nicht absehbaren Folgen für die Konjunktur.Das Fehlen verlässlicher Informationen, das nicht mögliche Abschätzen von Ausmaß und Dimension der sich weltweit ausbreitenden Corona-Krise sorgt für Verunsicherung und erinnert nach der Rekordfahrt an den Börsen bis in den Februar hinein daran, dass sich Aktienkurse in zwei Richtungen bewegen können. Das Papier des weltgrößten Autobauers Volkswagen, der fast 40 % seiner Fahrzeuge in China ausliefert, ist wieder unter das Niveau vor Bekanntwerden der Dieselabgaskrise im September 2015 gefallen.Jahresprognosen hat VW seit Beginn der Flaute in der Autoindustrie 2018, die im Vorjahr von einem Rückgang des weltgrößten Fahrzeugmarkts China um über 8 % geprägt war, eingehalten. In einer Phase, in der andere Hersteller und Zulieferer ihre Ankündigungen kassierten und Ratingagenturen Bonitätsnoten einiger Branchenunternehmen herabstuften, haben die Wolfsburger Vertrauen, das mit “Dieselgate” verloren gegangen war, zurückgewinnen können. Mit Vorsicht beim Ausblick ist VW gut gefahren, wie auch Erfahrungen mit der verpatzten Umstellung auf das Abgas- und Verbrauchstestverfahren WLTP 2018 gezeigt haben. Insofern ist der Vorbehalt von “Einschätzungsunsicherheiten” aufgrund geopolitischer Spannungen sowie “länder- und regionsübergreifender Epidemien” wie der Ausbreitung des Coronavirus, mit dem der Konzern die Prognose für 2020 verbindet, folgerichtig.Sollten sich Rezessionsängste bewahrheiten, Lieferengpässe und Kaufzurückhaltung virulent werden und mögliche neue Stimulierungsmaßnahmen von Zentralbanken und Regierungen kurzfristig nicht die notwendige Wirkung zeigen, wäre es keine Überraschung, würde VW die Ankündigung neuer Bestmarken bei Umsatz und operativem Ergebnis revidieren. Nach einem Geschäftsjahr, in dem Ergebnisse und Kassenlage überraschend stark ausfielen und für das auch eine deutlich höhere Dividende ausgeschüttet werden soll, kämen solche Verwerfungen für die Wolfsburger zur Unzeit.Denn zum einen benötigt VW eine weiter florierende Nachfrage nach den margenträchtigen Stadtgeländewagen (SUVs) und einen starken Cash-flow, um neben den Belastungen der nach wie vor nicht ausgestandenen Dieselabgaskrise den Umstieg zur Elektromobilität und die Digitalisierung aus eigener Kraft zu stemmen. Das heißt auch: Profitabilität darf die Umsetzung der Elektrostrategie nicht kosten. Zum anderen ist 2020 für den Zwölfmarkenkonzern ein entscheidendes Jahr, weil es darum geht, Milliardenstrafen für ein Verfehlen der verschärften Klimaschutzvorgaben zu vermeiden. Die Differenz von 30 Gramm CO2 je Kilometer zum EU-Grenzwert kann VW in diesem und im nächsten Jahr nur mit einem spürbar steigenden Absatz von Plug-in-Hybrid- und Elektrofahrzeugen schließen.Deshalb muss der ID3 auf die Straße. Das erste Fahrzeug auf Basis des neuen modularen Elektrobaukastens soll voll vernetzt vom kommenden Sommer an ausgeliefert werden. Doch Zweifel halten sich: Die Software funktioniere nicht wie gewünscht, heißt es. Dabei darf bei dem Kompaktwagen der Marke VW, der die E-Mobilität massentauglich machen soll und der den Umbruch von Volkswagen vom Auto- zum Tech-Konzern symbolisiert, nichts schiefgehen. Es geht um die Glaubwürdigkeit des Kurses eines Unternehmens, das so schnell wie möglich als Technologieunternehmen wahrgenommen werden will. Die Nachteile in der Börsenbewertung als Autokonzern verglichen mit dem US-Elektroautopionier Tesla sind ein Weckruf für Wolfsburg.——Von Carsten SteevensDie Corona-Krise kommt für VW zur Unzeit. Profitabilität darf der Umbruch zur E-Mobilität, die 2020 massentauglich werden soll, nicht kosten.——