LEITARTIKEL

Die neue Siemens-Familie

Siemens erobert den Deutschen Aktienindex. Neben der heutigen AG ist dort bereits die ehemalige Halbleitersparte in Form der Infineon Technologies AG präsent. Ante portas steht Siemens Healthineers. Gemessen an der Marktkapitalisierung gehört der...

Die neue Siemens-Familie

Siemens erobert den Deutschen Aktienindex. Neben der heutigen AG ist dort bereits die ehemalige Halbleitersparte in Form der Infineon Technologies AG präsent. Ante portas steht Siemens Healthineers. Gemessen an der Marktkapitalisierung gehört der Medizintechnik-Spezialist längst in das Oberhaus des Aktienmarktes. Nun muss ein trickreicher Weg gefunden werden, um dem Kriterium Handelsvolumen zu genügen.Auf dem Kurszettel erscheint im September Siemens Energy – ein Umsatzschwergewicht, das bei erfolgreicher operativer Performance an Kapitalisierung zulegen würde und langfristig ein Dax-Kandidat wäre. So entsteht eine neue Art der Siemens-Familie. Hätten die Wettbewerbshüter die Fahrt von Siemens Alstom an die Börse gebilligt, gäbe es einen Ableger in Paris. In Madrid spielt Siemens Gamesa.Die Aufzählung führt vor Augen: Der Gigant Siemens löst sich auf. Ein Stück Industriegeschichte endet – was daraus erwächst, ist weniger klar, als dies beim Blick auf den Kurszettel erscheint. Denn nicht jedes frühere Siemens-Unternehmen hat sich behauptet. Der ehemalige Dax-Wert Epcos wurde aufgekauft, Osram geht perspektivisch im Halbleiter-Unternehmen AMS auf. Andere Konzernteile, die wie Siemens Networks oder Enterprise Networks veräußert wurden, sind völlig aus der Wahrnehmung der Wirtschaftswelt verschwunden.Was also sind Erfolgsfaktoren für die neue Generation der Siemens-Familie? Alles hängt davon ab, ob sie ihre Branchen dominiert oder zumindest gestalten kann. Wichtig ist auch, ob sie ertragsstärker als heute sein wird. Die Aussichten von Medizintechnik (Siemens Healthineers), Energiegeschäft (Siemens Energy) und Industrieautomatisierung (Siemens AG) sind in dieser Hinsicht unterschiedlich.Über Siemens Healthineers können sich die Aktionäre dieses Unternehmens uneingeschränkt freuen. Der Aktienkurs entwickelt sich prächtig. Inmitten der Corona-Pandemie ist die Bewertung sogar auf ein Rekordniveau gestiegen. Dies zeigt: Die finanzmathematische Technik der Zerlegung kann funktionieren, zumindest für das abgespaltene Unternehmen. Operativ fehlt aber unverändert der Beleg, dass die Alleinstellung Vorteile bringt. Die Probleme bei der Einführung der neuen Labordiagnostikplattform Atellica hat Healthineers nicht besser gelöst, als dies in einem straff geführten Konzern möglich gewesen wäre. Umwälzende Transaktionen in Form von Zukäufen in Wachstumsbranchen sind ausgeblieben, der Aktienmarkt wurde nicht angezapft. Das Unternehmen wird operativ mit ruhiger Hand geführt. Dies muss nicht schlecht sein, zumal wenn sich Erfolge einstellen, aber dies hätte auch im Siemens-Konzern umgesetzt werden können. Der hohe Cash-flow und der Gewinn wären komplett an die AG-Aktionäre geflossen.Die Erschaffung von Siemens Energy ist ein waghalsiges Unterfangen. Die Branche steckt inmitten des epochalen Umbruchs von konventioneller zu regenerativer Energieerzeugung. In dieser Phase ist die Firma mit ihrer Abspaltung und damit mit sich selbst beschäftigt. Als wäre dies nicht genug, wurden kürzlich CEO und Finanzvorstand ausgetauscht. Die Neuen kennen naturgemäß das Geschäft noch nicht. Dies ist umso problematischer, als Siemens Energy auch Hausaufgaben zu erledigen hat. Die Sonderbelastungen in Multimillionenhöhe im Onshore-Projektgeschäft sind ein Desaster. Dies alles ist bekannt, daher gibt es auch eine Kehrseite: Der Finanzmarkt erwartet so wenig von Siemens Energy, dass positive Überraschungen möglich sind. Schließlich bleibt Energieerzeugung immer eine Menschheitsaufgabe.Der Kern der künftigen Siemens AG u. a. mit der Industrieautomatisierung ist seit Jahren extrem profitabel. Das ist gut. Analysten fragen allerdings – schon lange – bange, ob diese Renditen in dem harten Wettbewerb zu halten sind. Bisher hat das Management geliefert. Selbstverständlich ist dies nicht. In der Chefetage kursiert die Befürchtung, dass die Internet-Cloud künftig nicht nur speichert, sondern intelligent rechnet und steuert. Dann könnten Microsoft oder Amazon dem Konzern in der Industriesteuerungssoftware den Rang ablaufen. Möglich ist dies sehr wohl. Die Siemens-Spitze hat allerdings schon einige Teufelchen an die Wand gemalt, die sich später nicht materialisiert haben. So wurden Abspaltungen wie etwa im Fall Medizintechnik begründet.——Von Michael FlämigDer Gigant Siemens löst sich auf. Was daraus erwächst, zeichnet sich langsam ab. Medizintechnik, Industrieautomatisierung und Energiegeschäft dominieren. ——