Notiert inMoskau

Doppelgänger und Sabotage

Wo die objektive Information über Jahre ausgedünnt wurde oder wie in Russland gar nicht mehr stattfinden darf, blüht eben umso mehr das Gerücht. Und über Putin gibt es viel zu mutmaßen.

Doppelgänger und Sabotage

Notiert in Moskau

Doppelgänger und Sabotage

Von Eduard Steiner

In der Orthodoxen Kirche war am Wochenende Ostern. Mein Freund Sergej, der eigentlich anders heißt, ging in die Kirche. Diese dauert gut und gern drei Stunden, und Weihrauch wird in einem Ausmaß eingesetzt, dass die Besucher auf der Stelle umfallen würden, wäre da nicht so ein Gedränge, dass einer den anderen unfreiwillig stützt. Sergej blieb natürlich nicht während der vollen Länge der Zeremonie. Er beschränkt sich gern auf das Wesentliche und war nach 40 Minuten wieder weg. Dass er überhaupt teilnahm, ist vor allem dem Umstand geschuldet, dass er ganz einfach an allen Festen teilnimmt. Als Russe an orthodoxen, versteht sich von selbst. Als Halb- oder Vierteljude, wie er sich selbst bezeichnet, weil Teile seiner Vorfahren jüdisch waren, natürlich auch an jüdischen. Die muslimischen Festtage feiert er zu Hause einfach so mit, obwohl es keine verwandtschaftliche Affinität zu dieser Religion gibt. Diversität auf russische Art.

So flexibel ist nicht einmal Wladimir Putin. Als Staatschef eines Landes, in dem laut dem großen Schriftsteller Dostojewski jeder Russe a priori orthodox ist, geht er natürlich zu den orthodoxen Festen. So auch dieses Wochenende. Seine Motive wird er gehabt haben. Eines davon sicher, Nähe zum Volk zu zeigen, obwohl er gemeinsam mit Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin, der immer wieder mal auch als sein möglicher Nachfolger gehandelt wurde, mit großem Abstand zu den Gläubigen stand. Ja, und natürlich wollte er mit seiner Präsenz in diesen Zeiten Geschlossenheit demonstrieren.

Allerdings weiß in Russland niemand so genau, ob Putin wirklich dort ist, wo er ist. Denn die Theorie, er habe einen oder gar mehrere Doppelgänger, die ihn unter der strikten Regie des Geheimdienstes auf diversen Veranstaltungen vertreten, ohne dass es die Anwesenden merken, kursiert überall. Indirekt befeuert wird sie jetzt wieder durch das massive Datenleck der US-Regierung mit Geheimdokumenten zum Ukraine-Krieg. Dort ist ja die Rede davon, dass der Kremlchef Anfang März „einen neuen Zyklus Chemotherapie beginnen“ sollte und daher eingeschränkt ist. Stimmen die Angaben, wäre das Gerücht um seine schwere Krankheit erstmals in einem Dokument bestätigt.

In Russland selbst wird die Erzählung von Putins Krankheit übrigens ganz stark von Waleri Solowej befeuert. Der 62-Jährige war langjähriger Professor an der Moskauer Diplomatenakademie, ehe er dort 2019 angeblich auf Druck der Regierung zurücktrat. Er gilt als führender Kenner der Geheimdienst- und Militärelite, manche halten ihn sogar für deren Sprachrohr. Gleichzeitig ist Solowej wie viele kritische Geister von den Behörden zum „ausländischen Agenten“ erklärt und damit diskreditiert worden. Das Ausmaß aber, in dem er sich in den vergangenen Monaten über Putin in diversen Informationskanälen lustig gemacht hat, deutet darauf hin, dass ihn mächtige Gruppierungen aus dem Establishment schützen müssen. Solowej zufolge ist Putin gesundheitlich extrem geschwächt und würde alle Auftritte gar nicht schaffen.

Lediglich bei den wichtigsten Treffen wie dem mit dem chinesischen Staatschef Xi Jinping vor kurzem erscheine er persönlich. Bestätigt ist all das natürlich nicht, von offizieller Stelle vielmehr wiederholt dementiert. Aber wo die objektive Information über Jahre ausgedünnt wurde und seit Kriegsbeginn generell nicht mehr stattfinden darf, blüht eben umso mehr das Gerücht.

Dass es übrigens Anfang März einen Sabotageplot durch Moskauer Regierungs- und Militärvertreter gegeben habe, wie aus dem US-Datenleck hervorgeht, deckt sich mit der Behauptung Solowejs und anderer Beobachter, die Elite um Putin sei aus unterschiedlichen Gründen extrem unzufrieden mit ihrem Chef und untereinander gespalten. Wie wahr das ist, wird nur die Zeit zeigen. In einem Punkt – und den gilt es zu bedenken – dürfte  Solowej aber jetzt schon recht haben: Wenn die Zeiten härter werden, wird es zu keinem Aufstand kommen. Die Russen werden ihren Protest mit Sabotage äußern.