LEITARTIKEL

Mehr als ein Sack voll Arbeit

Milliardenschwere Rückstellungen für Rechtsrisiken, ein umfangreiches Sparprogramm, Stabilisierung der abgestürzten Marge im Kerngeschäft und die Elektrifizierung der Fahrzeugflotte - und das sind nur die hauseigenen Herausforderungen für Daimler....

Mehr als ein Sack voll Arbeit

Milliardenschwere Rückstellungen für Rechtsrisiken, ein umfangreiches Sparprogramm, Stabilisierung der abgestürzten Marge im Kerngeschäft und die Elektrifizierung der Fahrzeugflotte – und das sind nur die hauseigenen Herausforderungen für Daimler. Hinzu kommen etwa die Gefahr von Handelsschranken, die nachlassende Autokonjunktur sowie die ungewissen wirtschaftlichen Folgen des sich ausbreitenden Covid-19-Virus, das allein im chinesischen Markt die Autonachfrage in den vergangenen Wochen um bis zu 90 % einbrechen ließ.Von Panik ist angesichts der herausfordernden Lage bei Daimler noch wenig zu spüren. Im Auge des Sturms wirkt CEO Ola Källenius geradezu gelassen. Der jüngste Umbau in der Führungsstruktur bei Mercedes-Benz Cars und Vans zeigt indes, dass er die Verantwortung im Kerngeschäft künftig noch näher an sich ziehen will. So wird Källenius im Daimler-Vorstand neben dem Pkw- auch das schwächelnde Transportergeschäft (Vans) verantworten. Dieses lag bislang bei Personalvorstand Wilfried Porth, der mit den umfangreichen Personaleinsparungen allerdings auch so gut beschäftigt sein dürfte. Bei der Tochter Mercedes-Benz war Källenius ohnehin zuständig für Vans, so dass künftig vor allem mehr Klarheit in der Zuständigkeit herrscht. Im Finanzressort hat Daimler denselben Schritt vollzogen und Finanzvorstand Harald Wilhelm zum Herren über die Mercedes-Benz-Finanzen gemacht. Als COO erhält zudem Entwicklungs- und Forschungsvorstand Markus Schäfer noch mehr Verantwortung für den gesamten Wertschöpfungsprozess.Källenius, Wilhelm, Porth und Schäfer sollen also die Manager sein, die Mercedes durch den Transformationsprozess der nächsten Jahre steuern. Eine wesentliche Herausforderung für sie wird das Liquiditätsmanagement sein, denn es drohen milliardenschwere Sonderabflüsse: Die Rückstellungen für Rechtsrisiken und behördliche Verfahren wurden 2019 auf 4,9 Mrd. Euro mehr als verdoppelt. Auch die Eventualverbindlichkeiten haben um den Faktor 2 auf 1,6 Mrd. Euro angezogen. Hinzu kommt wohl ein Abfluss von sicher mehr als 1 Mrd. Euro für den avisierten Stellenabbau. Alles in allem sind also mehr als 7 Mrd. Euro Cash-Abfluss in den kommenden beiden Jahren möglich – und das bei anhaltend hohem Investitionsbedarf. Die Dividende für 2019, die am 6. April ausgezahlt werden soll, wurde vorsorglich auf 90 Cent, den niedrigsten Wert binnen einer Dekade, gesenkt.Mindestziel ist es, die Nettoliquidität im Industriegeschäft über 10 Mrd. Euro zu halten, um das Rating im Investment Grade nicht zu gefährden. Mehr noch als auf Personaleinsparungen setzt Daimler auf eine Senkung der Materialkosten. Hier sieht Källenius zwei Ansatzpunkte. Erstens eine deutliche Komplexitätsreduktion bei den Fahrzeugmodellen. Das bedeutet weniger Variantenvielfalt und mehr gemeinsame Teile. Allerdings räumt der Schwede ein, dass das größte Potenzial erst ab Mitte der Dekade mit neuen Fahrzeuggenerationen winkt. Der zweite Ansatzpunkt sind die Zulieferer, mit denen über Preissenkungen gesprochen wird. Allerdings scheint auch hier der Hebel überschaubar. Bei vielen neuen Partnern in der Elektromobilität wächst die Nachfrage schneller als die Produktionskapazität, die zudem durch das Coronavirus oft reduziert ist. Traditionelle Zulieferer im Verbrenner-Geschäft kämpfen derweil ohnehin mit den Herausforderungen einer sich wandelnden Branche und bekommen nun zusätzlichen Druck durch die Abschwächung des globalen Absatzes. Es ist nicht klar, wie viel Saft Daimler aus dieser Zitrone noch pressen kann, ehe sie gänzlich vertrocknet.——Von Sebastian SchmidDaimler steht vor schwierigen Jahren. Zu hausgemachten Problemen, die es zu adressieren gilt, kommt ein sehr ungünstiges Branchenumfeld hinzu.——