Schanghai

Neulich an der Apotheken-Theke

Nichts mutiert schneller als die chinesische Corona-Politik. Dem Null-Covid-Regime folgt nun ungenierte Virusverbreitung und ein Run auf Erkältungsmedizin. Für Schanghais Apotheker ist das eine Herausforderung, die sie nur allzu gerne annehmen.

Neulich an der Apotheken-Theke

China ist für raschen Wandel bekannt. Manchmal dauert es nur eine Woche, bis sich alles völlig anders darstellt. Zum Beispiel der Besuch einer Apotheke. Mit dem fliegenden Wechsel vom brutal stupiden Null-Covid-Regime zur liberal stupiden Totallockerung steht China nun mit null Vorbereitung vor einer echten Coronawelle. Im pharmazeutischen Einzelhandel herrscht mit einem Schlag Hochsaison. In Peking, wo man Knall auf Fall vom weitreichenden Lockdown zur weitreichenden Lockerung übergegangen ist, verbreitet sich eine gewaltige, aber von der offiziellen Statistik glatt abgeleugnete Omikron-Infektionswelle, die einen Sturm auf die Apotheken auslöst.

Am Wochenende standen Pekinger teilweise stundenlang bei eisigen Temperaturen Schlange, um sich mit Erkältungsmedikamenten, Immunschutzpräparaten und Antigen-Schnelltests einzudecken. Ein eher hoffnungsloses Unterfangen, weil die Regale bereits weitgehend leergeräumt sind. Wenn überhaupt, sind nur noch Billigpräparate von obskuren heimischen Generika-Herstellern verfügbar, um die früher jeder einen weiten Bogen gemacht hätte.

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Im stets vornehmer und gesitteter wirkenden Schanghai erahnen die Bürger, dass auch ihnen demnächst ein statistisch unterschlagener Omikron-Schwapp droht, legen aber weniger Hast an den Tag. Viele nutzten das Wochenende für einen entspannten, ausgiebigen Pharma-Shoppingbummel. Schanghais Apothekenszene zeigt sich gut gerüstet und das Verkaufspersonal bei Laune. Endlich gilt wieder aktive Kundenansprache. Bis vor kurzem war das nicht so. Man fand nur mit einem negativen Testergebnis jüngsten Datums überhaupt Einlass, wurde misstrauisch beäugt und bekam mit knappen Worten überreicht, was zielgenau angefragt wurde. Die Bestimmungen des Null-Covid-Regimes sorgten nämlich dafür, dass sich Apotheken möglichst abweisend zu verhalten hatten und fiebersenkende Präparate gar nicht erst herausrücken sollten. Jede Nachfrage nach Erkältungsmedizin oder Schnelltests stand unter implizitem Verdacht der Behörden, der Verschleierung eines Ansteckungsfalls zu dienen.

Nun, da Selbsthilfe legal und erwünscht ist, wird der Kunde wieder zum König und kann sich eines Beratungsservices wie in einem Gourmettempel sicher sein. Der Apotheker schlägt ein auf Alter, physische Konstitution und den Geldbeutel zugeschnittenes Medikamente-Menü zur gezielten Virusbekämpfung und Vorbeugung von Atemwegserkrankungen vor. Für wählerische Klientel gibt es Alternativen und Erweiterungsoptionen. Zur Abrundung des Einkaufserlebnisses wird selbstverständlich ein Päckchen Schnelltests gratis mit in die Tüte gegeben.

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Weil der westlichen Festivitäten gegenüber sehr aufgeschlossene Schanghaier Einzelhandel eine Weihnachtssaison kennt, kann man in einigen Apotheken nun sogar zum dekorativen Geschenkkorb mit roter Weihnachtsschleife greifen. Die durchsichtige Verpackung lässt ein erlesenes Sortiment von westlichen und auch traditionell chinesischen Medikamenten mit Covid-Bezug erkennen. Das ist zum Preis von 699 Yuan (knapp 100 Euro) zwar nicht gerade geschenkt, gibt aber ein saisongerechtes Präsent ab, mit dem man sich derzeit überall sehen lassen kann.

Auf der Social-Media-Plattform Wechat kursieren etliche Bilder von Chinesen, die ihre Vorbereitungen auf die große Infektionswelle mit einem sorgfältig arrangierten Medikamentenhort stolz dokumentieren. Sie fragen ihren Freundeskreis: „Was meint ihr, hab ich alles zusammen, fehlt noch was?“ Die häufigste Antwort: „Ja, es fehlt noch die Infektion!“ Auch sorgfältiges Lesen der Beipackzettel und Dosierungsvorschriften fehlt. Wie ein Arzt eines Privatkrankenhauses berichtet, sind auf einen Schlag 18 Menschen mit Verdacht auf Covid eingeliefert worden. Kein einziger hat sich als Coronafall entpuppt. Vier Patienten mussten dennoch auf die Intensivstation – wegen Lebervergiftung nach einem allzu bunt gemixten Coronabekämpfungscocktail.