LEITARTIKEL

Prime Time

Einen "Weckruf" hat EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager in der Coronakrise von den US-Technologiegiganten vernommen, die ihre "FAANG"-Arme noch weiter ausgestreckt haben als bisher, weil internetbasierte digitale Geschäftsmodelle plötzlich...

Prime Time

Einen “Weckruf” hat EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager in der Coronakrise von den US-Technologiegiganten vernommen, die ihre “FAANG”-Arme noch weiter ausgestreckt haben als bisher, weil internetbasierte digitale Geschäftsmodelle plötzlich so wichtig wurden wie nie zuvor. Bei Facebook und ihren Töchtern (Whatsapp, Instagram) laufen die Kommunikationsdrähte zusammen, Apple und Google legen die Basis für die “Corona-App”, Amazon und Netflix verstärken ihren Würgegriff im Mediensektor. Die Branche, der Experten wiederholt nahegelegt haben, ihre Kräfte zu bündeln, um endlich eine Gegenoffensive zu starten, die den Siegeszug der beiden TV-Streaming-Anbieter stoppen könnte, ist zwar hierzulande in Aufruhr geraten; namentlich weil ProSiebenSat.1 an der Börse einen solchen Wertverlust erfahren hat(te), dass Wettbewerber Mediaset und Investoren wie Daniel Kretinsky dort eingestiegen sind und nun die Neuausrichtung mitbestimmen wollen. Jedoch kann von gemeinsamen Anstrengungen der TV-Sender noch kaum die Rede sein. Insbesondere RTL und ProSiebenSat.1 gehen mit ihren Streaming-Services weiterhin getrennte Wege.Derweil baut Amazon ihre Prime-Plattform konsequent aus. Der weltgrößte Internet-Einzelhändler, dessen enorme Finanzkraft vor allem auf dem Jahre zuvor – von der Öffentlichkeit komplett unbemerkt – aufgebauten Web-Hosting (AWS) ruht, hat nicht nur viel Geld in Originalproduktionen gesteckt, um vor allem bei Serien auf Augenhöhe mit Netflix zu kommen und Neueinsteiger Disney Paroli zu bieten, sondern zuletzt auch beim Erwerb von dem Content zugeschlagen, der sich über Jahre konstant als Topseller erwiesen hat: exklusive Fußballrechte. Bundesliga-Fans können auf Amazon Prime bereits in der laufenden Saison eine Reihe von Live-Spielen sehen, deren Rechte die DFL ursprünglich an Eurosport vergeben hatte. Diese hat den Vertrag jedoch gekündigt, Amazon sprang ein. Prime Time ist ab 2021 überdies immer dienstags, wenn der Konzern die Fußballspiele der Königsklasse live überträgt. Amazon hat sich dabei – ebenso wie DAZN für die weiteren Champions-League-Spiele – gegen den bisherigen Platzhirsch Sky durchgesetzt, der in dieser Auktion komplett leer ausging.Nach einhelliger Meinung von Experten darf dies dem nun zur Comcast-Gruppe gehörenden Pay-TV-Sender in der gerade angelaufenen Auktion für die Live-Senderechte der deutschen Bundesliga nicht noch einmal passieren. Das Münchner Unternehmen gilt trotz aller Anstrengungen – auch mit eigener Unterhaltungsproduktion – als hochgradig vom Fußball-Content abhängig. Das Gleiche dürfte für die Streaming-Plattform DAZN gelten, die ihre Marke stark mit Fußball-Streaming verbunden hat. Amazon dagegen muss die Bundesligarechte nicht um jeden Preis ersteigern, kann sich aber potenziell jeden Preis leisten.Und nicht nur das. Der finanzkräftige Technologie-Riese muss frisch erworbenen Content auch nicht unmittelbar sofort zurückverdienen, sondern kann seine schon bisher sehr schlagkräftige Marketingstrategie “Prime included” auch bei Live-Fußball verfolgen. So haben sich die Rechte, die Amazon anstelle von Eurosport für die laufende Saison erworben hat, in keinem gesonderten Prime-Aufpreis niedergeschlagen. Auch für 2021, wenn ein Großteil der Champions League “prime included” sein wird, ist noch kein Preismodell von Amazon angekündigt. Sollten ein oder gar mehrere Rechtepakete für die Live-Übertragung der neuen Bundesliga-Saison im Portfolio des Konzerns landen, ist vermutlich nicht zu erwarten, dass dieser Prime-Content komplett an die Kunden verschenkt wird. Aber selbst wenn Amazon für das eine oder andere Sendepaket 1 Mrd. Euro oder mehr hinlegen sollte – die DFL rechnet trotz Coronakrise mit einer Steigerung der Gesamteinnahmen, die im zurückliegenden Vierjahresrahmen 4,6 Mrd. Euro erreichten – kann das Unternehmen niemand hindern, den Preis für Prime zum Beispiel temporär für drei oder sechs Monate unverändert zu lassen und damit auf Kundenfang zu gehen. Kein anderer Bieter in der laufenden Auktion dürfte sich das leisten (können).——Von Heidi RohdeDie Coronakrise hat die Marktmacht der US-Tech-Riesen erneut gestärkt. Amazon lehrt mit ihrer Prime-Plattform noch mehr als Netflix der Medienbranche das Fürchten. ——