LEITARTIKEL

Süßes oder Gesundes?

Am Kapitalmarkt geht die Schonfrist für Mark Schneider zu Ende. Ungeduldig warten Investoren und Analysten darauf, dass der seit Jahresanfang amtierende CEO von Nestlé das tut, wozu er nach hausexterner Meinung an den Genfer See geholt wurde: den...

Süßes oder Gesundes?

Am Kapitalmarkt geht die Schonfrist für Mark Schneider zu Ende. Ungeduldig warten Investoren und Analysten darauf, dass der seit Jahresanfang amtierende CEO von Nestlé das tut, wozu er nach hausexterner Meinung an den Genfer See geholt wurde: den weltgrößten Lebensmittelkonzern stark auf gesundheitserhaltende oder -fördernde Produkte ausrichten – und zwar zügig mit einschneidenden Maßnahmen, etwa milliardenschweren Übernahmen. Denn Schneiders Zeit als Vorstandschef von Fresenius (2003 bis 2016) war geprägt von vielen Akquisitionen, die dem Dax-Unternehmen zur heutigen Größe verhalfen. Die Stärkung des Gesundheitsgeschäfts würde Nestlé mehr Wachstumspotenzial und höhere Margen verschaffen. Doch die Markterwartungen dürften enttäuscht werden.In den vergangenen Monaten betonte der 51-Jährige, dass Medien und Analysten zu viel in seine Ernennung hineininterpretiert hätten. Er werde Nestlé nicht zu einem Gesundheitskonzern umbauen. Mehr noch: Größere Akquisitionen ständen zurzeit nicht auf der Agenda, unter anderem weil die Bewertungen möglicher Ziele viel zu hoch seien. Stattdessen wird es wohl viele kleine Schritte geben, die zu stärkerem Wachstum und höherer Rendite führen sollen. So wurde Mitte Juni das wachstumsschwache und relativ margenarme US-Süßwarengeschäft ins Schaufenster gestellt, das 2016 mit Erlösen von umgerechnet 830 Mill. Euro rund 1 % zum Konzernumsatz von über 82 Mrd. Euro beitrug. Doch genau solche Feinjustierungen und Arrondierungen sind es, mit denen zu rechnen ist. Schneider beteuert, er werde sich von den Erwartungen im Markt zu nichts verleiten lassen. “Headlinemanagement” sei nicht seine Art und passe auch nicht zu Nestlé, sagte er dem “Manager Magazin”. Man sollte ihm ruhig glauben.Hauptgrund für die Berufung Schneiders war das Verfehlen des organischen Wachstumsziels von 5 bis 6 % vier Jahre in Folge. Der neue CEO kappte diese mit den Jahren immer ambitionierter gewordene Vorgabe. Bei der Bilanzvorlage im Februar verkündete er, ab 2020 werde Nestlé wieder im mittleren einstelligen Bereich wachsen. Das war ein geschickter Schachzug: Zum einen räumte er sich eine mindestens dreijährige Frist ein, in der er Nestlé wieder auf Vordermann bringen kann, zum anderen nannte er keine akkuraten Zahlen. Die Vorgabe “mittlerer einstelliger Bereich” kann schließlich unterschiedlich ausgelegt werden.Einige Beobachter unterstellen, dass das Auftauchen des aktivistischen US-Investors Daniel Loeb im Aktionärskreis von Nestlé Schneider bei der Durch- und Umsetzung seiner Umbauziele helfen könnte. Das wäre der Fall, wenn diese deckungsgleich wären. Das ist aber nur teilweise so. Der streitbare Investor, der über seinen Hedgefonds Third Point rund 3,5 Mrd. Dollar in Nestlé-Aktien investiert hat und damit 1,25 % an dem Konzern hält, fordert eine Portfoliostraffung und die Prüfung von Zukäufen in “vorteilhaften Bereichen”. Da wird ihm bei Nestlé niemand widersprechen, schließlich sind das Basisaufgaben des Managements.Loeb hat jedoch noch konkrete Forderungen: Nestlé solle den 23-Prozent-Anteil am französischen Kosmetikhersteller L’Oréal verkaufen und den größten Teil des Erlöses in Aktienrückkäufe investieren. Daraufhin kündigten die Schweizer ein Rückkaufprogramm über 20 Mrd. Dollar an, verteilt über drei Jahre. Damit hat man zwar dem US-Investor viel Wind aus den Segeln genommen, doch lässt die Reaktion das Management von Nestlé kleinmütig erscheinen. Tatsächlich sollte der selbstgefälligen Krakeelerei eines Aktionärsaktivisten nicht nachgegeben werden. Der Mehrheit der Anteilseigner ist vor allem Verlässlichkeit wichtig. Ein Unternehmen, das seine Strategie an dem Aktionär ausrichtet, der am lautesten schreit, wollen sie nicht. Und die L’Oréal-Beteiligung ist wegen des zweiten Großaktionärs, der Gründerfamilie Bettencourt, ein hochsensibles Thema. Ein Hoppladihopp-Verkauf, wie er Loeb vorschwebt, wäre wertvernichtend und imageschädlich; also das Gegenteil von dem, was der aktivistische Investor vorgibt, erreichen zu wollen. Zudem sind Loebs Renditevorstellungen für Nestlé schlicht unrealistisch.Dennoch muss Schneider aufpassen. In nicht allzu ferner Zukunft werden schwache Ergebnisse wie im letzten Quartal zu “seinen” schwachen Ergebnissen. Und der Verwaltungsrat hat nicht erstmals seit 94 Jahren einen Externen für die Konzernspitze geholt, damit im Grunde alles beim Alten bleibt. Das weiß Schneider – auch ohne aktivistischen Investor. Sein Wirken sollte bald Erfolge zeigen, sonst wird er an Rückhalt verlieren.——–Von Martin DunzendorferMark Schneider wird Nestlé nicht zum Gesundheitskonzern umbauen und M & A besonnen angehen. Das ist richtig so. Aber den Kapitalmarkt wird das enttäuschen.——-