LEITARTIKEL

Tohuwabohu in Serie

Mehr Chaos gibt es in keiner Comedyshow. Was sich in der Führungsspitze von ProSiebenSat.1 seit zweieinhalb Jahren abspielt, bietet für die Aktionäre, Werbekunden und Mitarbeiter jedoch nur wenig zum Lachen. Zu verantworten hat das Durcheinander der...

Tohuwabohu in Serie

Mehr Chaos gibt es in keiner Comedyshow. Was sich in der Führungsspitze von ProSiebenSat.1 seit zweieinhalb Jahren abspielt, bietet für die Aktionäre, Werbekunden und Mitarbeiter jedoch nur wenig zum Lachen. Zu verantworten hat das Durcheinander der Aufsichtsratsvorsitzende Werner Brandt. Der abrupte Abgang von Vorstandschef Max Conze in der vergangenen Woche zeigte es abermals deutlich: Brandt agiert nicht, sondern reagiert, und das erst dann, wenn es fast zu spät ist. Erst als Conze dem Vernehmen nach Druck machte und auf einer vorzeitigen Vertragsverlängerung bestand, sagte der Aufsichtsrat Stopp. Seit einem Jahr ist der Vorstand des Fernseh- und Internetkonzerns in Unterföhring bei München nach und nach auseinandergefallen: Es herrschte viel Gegeneinander, kaum Miteinander. Ruppig und unsensibel soll sich Conze verhalten haben. Auch auf der zweiten Führungsebene verließen etliche erfahrene Kräfte das Unternehmen. Brandt schaute zu – wie schon bis zum unrühmlichen und unvermeidlichen Abgang von Konzernchef Thomas Ebeling vor gut zwei Jahren. Zuvor hatte er dem selbstherrlichen Ebeling zu viel gestattet, etwa den Vorstand auf sieben Mitglieder aufzublähen.Auf Kritik der Aktionäre stieß in den vergangenen Jahren auch das Vergütungssystem für den Vorstand. Mit zwei Drittel der Stimmen lehnte es die Hauptversammlung 2017 ab: zu komplex und zu wenig transparent. Erst da reagierte Brandt und ließ die Entlohnung überarbeiten. Ihm geht es offenbar in erster Linie darum, seinen Posten zu behalten und sein Gesicht zu wahren. Deshalb hielt der Aufsichtsratschef wohl an Conze fest, solange es ging. Eine frühere Trennung hätte als Eingeständnis interpretiert werden können, den falschen Mann ohne Medienerfahrung geholt zu haben.Auch Brandt, der zudem den Aufsichtsrat von RWE leitet und Finanzvorstand von SAP war, fehlt es an tiefen Branchenkenntnissen. Kritik perlt seit Jahren an ihm ab. Seine Auftritte auf den Hauptversammlungen wirken blutleer. Bleibt er noch bis zum Ende der Wahlperiode 2022, wären das für das Unternehmen weitere zwei Jahre zu viel. Eine hinter den Kulissen lenkende Hand kann Brandt nicht bieten. In einer für die Fernsehbranche schon lange schwierigen Zeit wäre sie dringend notwendig.Rainer Beaujean, der neue Mann an der Spitze von ProSiebenSat.1, ist erst seit neun Monaten im Unternehmen. Als Finanzvorstand begann er selbstbewusst seine Aufgabe, auch weil er als Vorstandsvorsitzender von T-Online am Aufbau von Magenta-TV beteiligt war und sich deshalb Medienerfahrung zuschreibt. Er erweckte zudem von Beginn an den Eindruck, als traue er sich auch den Chefposten zu.Nun stellen sich ihm drei entscheidende Aufgaben: Erstens muss er Ruhe ins Unternehmen bringen. Zweitens steht ProSiebenSat.1 wie die gesamte TV-Branche vor harten Zeiten. Die Werbeeinnahmen schrumpfen, was sich nun wegen der Pandemie drastisch beschleunigen wird. Denn an Reklame wird zuerst gespart. Beaujean muss in den Krisenmodus schalten.Seine dritte Aufgabe ist, dennoch den Wandel zur digitalen Medienwelt fortzusetzen. Das ist mit Investitionen in die Technik und Ausgaben fürs Programm verbunden. Ein Zielkonflikt zeichnet sich ab: Gleichzeitig will der neue Vorstandssprecher nach zwei Jahren mit Ergebnisrückgängen die Profitabilität stärken. Kosten, Cash-flow und die Verschuldung nimmt er ins Visier. Zudem steigt mit der Konzentration aufs Kerngeschäft, der Unterhaltung, die Abhängigkeit von den klassischen Fernsehwerbeeinnahmen. Ebeling und Conze waren in die andere Richtung gegangen. Digitale Werbung wächst inzwischen zwar kräftig, kann die Rückgänge der traditionellen Variante aber noch lange nicht ausgleichen.Wegen des heftigen Kursrückgangs ist ProSiebenSat.1 längst ein Kandidat für eine Übernahme. Die Marktkapitalisierung ist auf weniger als 1,6 Mrd. Euro geschmolzen. Mediaset hat sich mit einer Beteiligung von 20 % in Position gebracht. Jedoch sind die Absichten des italienischen Konzerns nach wie vor ebenso unklar wie seine Pläne für eine europäische Medienholding. Hinter dem Fusionsgedanken von Bertelsmann- und RTL-Chef Thomas Rabe steckt wohl die Idee, sich ProSiebenSat.1 einzuverleiben. Aber das Kartellamt hätte vermutlich und zu Recht etwas dagegen, gäbe es dann doch nur noch eine dominierende private Sendergruppe hierzulande. ProSiebenSat.1 muss sich bis auf Weiteres allein durch eine sehr schwierige Phase kämpfen, die die Existenz gefährden könnte.——Von Joachim HerrEin ruppiger CEO und ein zaudernder Aufsichtsratschef: Das waren die Hauptdarsteller in der bisher letzten Folge der Chaosserie von ProSiebenSat.1.——