Vom Börsengang zum Abstiegskampf
Vom Börsengang zum Abstiegskampf
Notiert in Madrid
Vom IPO zum Abstiegskampf
Thilo Schäfer
Im Oktober 2021 sorgte ein kleiner Fußballklub aus der vierten spanischen Liga für Schlagzeilen. Der Intercity CF aus Sant Joan, einem Vorort von Alicante, feierte als erster Verein Spaniens sein Debüt an der Madrider Börse. Die Nachricht fand auch ihren Weg in die Börsen-Zeitung. In der Rubrik Wertberichtigt wurde der Haupteigentümer und Präsident von Intercity, Salvador Martí, zitiert. Das IPO bedeute einen „disruptiven Wechsel in der Finanzierung der Fußballklubs in Spanien“. Martí sah sich als Vorreiter, dem bald andere folgen würden. Auch der mächtige Präsident der Profiliga LFP, Javier Tebas, warb lange Zeit dafür, dass die Vereine die Kapitalmärkte als Geldquelle in Betracht ziehen sollten. Seine Organisation bot Beratung an. Allerdings hat bis heute kein anderer Klub in Spanien Interesse an einem Börsengang gezeigt.
Die Erfahrung von Intercity hat ein IPO nicht gerade attraktiver gemacht. Der Kurs am BME Growth ist vom Ausgabepreis von 1,20 Euro und nach zwei Kapitalerweiterungen auf 0,20 Euro abgerutscht. Die Marktkapitalisierung betrug am Dienstag rund 2,5 Mill. Euro, doch wies der Bilanzprüfer von Intercity zuletzt eine Kapitallücke von fast 5 Mill. Euro aus, wie mehrere spanische Medien übereinstimmend berichteten. Intercity antwortete in einer Mitteilung: „Wir sind uns des wichtigen Moments bewusst“, aber man weise die „Falschinformation, Halbwahrheiten und böswilligen Kritiken“ zurück. Laut den Berichten gibt es einen Investor, der 2 Mill. Euro investieren würde, und man halte nun nach weiteren Geldgebern für die restlichen 3 Mill. Ausschau. Sonst könnte das Aus drohen. Die Suche nach Investoren wird durch die unsichere sportliche Lage der ersten Mannschaft nicht leichter.
Martí und seine Mitstreiter hatten 2017 den Intercity CF gegründet, mit der Lizenz eines kleinen Vereins aus Alicante. Das Ziel war, die Primera División zu erreichen, die erste Liga in Spanien. Sportlich lief es lange gut, das Team landete nach hohen Ausgaben und vier Aufstiegen letzten Sommer in der dritten Kategorie des spanischen Fußballs. Zu Beginn der Saison ging es auch gut los. Der Höhepunkt in der jungen Vereinsgeschichte war das Pokalspiel im Januar, als die Mannschaft von der Costa Blanca dem großen FC Barcelona erst in der Verlängerung mit 3:4 unterlegen war. Danach war die Luft raus. Es folgten Niederlagen und der Absturz bis in die Abstiegsränge.
Obwohl Fußballklubs fast überall in Europa mehrheitlich Kapitalgesellschaften sind, wagten bislang nur sehr wenige den Gang aufs Parkett. Prominente Ausnahmen sind Borussia Dortmund, Juventus Turin oder Manchester United. Auch in Spanien sind die Profiklubs vor vielen Jahren in sogenannte S.A.D. umgewandelt worden und seitdem im Besitz von Anteilseignern. Es gibt nur vier Ausnahmen, darunter Real Madrid und der FC Barcelona, zwei der größten Klubs der Welt, sowie die Traditionsvereine Athletic Bilbao und der diesjährige Pokalfinalist Osasuna Pamplona. Alle vier werden nach wie vor von ihren Mitgliedern kontrolliert. Die Konkurrenten haben mit ihren Investoren unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Beim traditionsreichen FC Valencia – sechsmaliger spanischer Meister und zweifacher Finalist der Champions League – laufen die Anhänger seit Monaten gegen den Besitzer Peter Lim Sturm, einen Geschäftsmann aus Singapur. Die Mannschaft kämpft zurzeit um den Klassenerhalt. Bei einem anderen Traditionsklub, Espanyol Barcelona, ging es seit dem Einstieg chinesischer Investoren vor sieben Jahren stets bergab und dem Vorletzten der Tabelle droht nun der Abstieg. Andere haben es besser gemacht. Atlético Madrid ist seit der Umwandlung in eine S.A.D. 1992 im Besitz der Baulöwen-Familie Gil und des Filmproduzenten Enrique Cerezo, der auch der Präsident der „colchoneros“ ist. Sie haben Atlético zu einer festen Größe im nationalen und internationalen Fußball gemacht.
Die Kicker von Intercity könnten am kommenden Samstag im Heimspiel gegen SD Logroñés den Schritt zum Klassenerhalt machen. Das sollte bei der Suche nach Investoren helfen.
