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Der Überzeugungsarbeiter im Linde-Konzern

Von Joachim Herr, München Börsen-Zeitung, 17.6.2017 Ob die Überzeugungsarbeit erfolgreich war, wird sich voraussichtlich im August und September zeigen. Vor wenigen Tagen ist Aldo Belloni von einer Tour zu Investoren in den USA, Großbritannien und...

Der Überzeugungsarbeiter im Linde-Konzern

Von Joachim Herr, MünchenOb die Überzeugungsarbeit erfolgreich war, wird sich voraussichtlich im August und September zeigen. Vor wenigen Tagen ist Aldo Belloni von einer Tour zu Investoren in den USA, Großbritannien und Deutschland zurückgekehrt. Der Vorstandsvorsitzende von Linde warb dort in den vergangenen zwei Wochen für den Zusammenschluss mit Praxair.Seine Reisen werden sich gelohnt haben, wenn mindestens drei Viertel des Aktienkapitals das Angebot annehmen, die Linde-Anteile in Aktien der gemeinsamen Holding mit Prax-air zu tauschen. Das ist nach dem Okay des Aufsichtsrats von Linde die nächste Hürde für das Vorhaben auf der deutschen Seite. Nach der Prüfung der amerikanischen Börsenaufsicht SEC und der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht wird damit gerechnet, dass das Angebot im August veröffentlicht wird.Vor einem Jahr hätte sich Belloni bestimmt nicht träumen lassen, nochmals eine so große Rolle für seinen ehemaligen Arbeitgeber zu spielen. 1980 hatte der gebürtige Mailänder seine Laufbahn in dem Münchner Konzern als Vertriebsingenieur begonnen. 2000 folgte der Aufstieg in den Vorstand, dem er bis zur Pensionierung 2014 angehörte. Im Dezember des vergangenen Jahres reaktivierte Wolfgang Reitzle, der Aufsichtsratsvorsitzende, Belloni, der inzwischen 67 Jahre alt ist.Reitzle hält seine Lösung für einen Glücksfall. Seine rhetorische Frage klingt einleuchtend: Welcher externe Manager mit Karriereambitionen hätte sich für diesen befristeten Posten beworben? Und Belloni kennt Linde und den Markt der Industriegase seit 37 Jahren, sämtliche Akteure und Geschäftsfelder. Zudem hatte er mit Managern von Praxair schon früher Kontakt.Der gute Draht zur Arbeitnehmerseite, der Belloni nachgesagt wird, half dem promovierten Ingenieur für das Projekt mit Praxair bisher allerdings wenig. Betriebsrat und Gewerkschaften protestierten vehement gegen eine Verschmelzung mit dem US-Konzern. Und fünf der sechs Mitglieder im Aufsichtsrat, die die Beschäftigten vertreten, stimmten gegen einen Zusammenschluss.Eine wichtige Aufgabe Bellonis bleibt es, die Belegschaft zu besänftigen und sie von den Vorteilen der Fusion zu überzeugen. Wie es nach dem Auslaufen der Beschäftigungsgarantie Ende 2021 weitergeht, will und kann er nicht sagen. Ohnehin endet sein Vertrag im Dezember des nächsten Jahres. Worthülsen und NebelkerzenKomplexe Themen der Branche verständlich darzustellen galt ebenso als Stärke Bellonis. Diesen Trumpf konnte er zuletzt in seinen öffentlichen Auftritten kaum ausspielen. Auf der Hauptversammlung im Mai musste er sich die Kritik gefallen lassen, mit Worthülsen und Nebelkerzen um sich zu werfen. Der Vorstandschef pries etwa einen erwarteten starken Cash-flow an: “Damit könnten wir beispielsweise Megaprojekte in unseren Kundenindustrien oder auch transformatorische Projekte angehen.” Eine Erklärung, was das heißt, fehlte in seiner Rede.In einer Rhetorik-Rangliste der Universität Hohenheim und des “Handelsblatts” liegt Belloni von 28 Dax-Chefs abgeschlagen an letzter Stelle. Bewertet wurden Verständlichkeit und Stil der Vorträge auf den Hauptversammlungen. Eine Chance, besser abzuschneiden, haben Belloni und seine Redenschreiber wahrscheinlich noch: im Mai 2018. Denn mit einem Vollzug der Fusion wird erst in der zweiten Jahreshälfte gerechnet – falls die Hürden der Aktionäre und der Kartellämter übersprungen werden.