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Jia Yueting fährt Chinas Tesla-Klon an die Wand

Von Norbert Hellmann, Schanghai Börsen-Zeitung, 13.7.2017 Die Investoren und Gläubiger werden immer ungeduldiger, und Jia Yueting wirkt immer flehentlicher. Dem aus der vor allem für ihre Kohleindustrie bekannten chinesischen Provinz Shanxi...

Jia Yueting fährt Chinas Tesla-Klon an die Wand

Von Norbert Hellmann, SchanghaiDie Investoren und Gläubiger werden immer ungeduldiger, und Jia Yueting wirkt immer flehentlicher. Dem aus der vor allem für ihre Kohleindustrie bekannten chinesischen Provinz Shanxi stammenden Entrepreneur geht die Kohle aus. Der Gründer des weit verzweigten chinesischen Technologiekonglomerats LeEco Holdings hat sich mit einer Reihe ambitiöser Projekte vor allem in Sachen Elektromobilität und autonomes Fahren verhoben und muss nun fürchten, dass einer der aggressivsten Player im chinesischen Tech-Zirkus auseinanderbricht. Betteln um mehr ZeitIn seiner jüngsten Botschaft an die Anleger und Geldgeber heißt es: “Ich bitte eindringlich darum, mir, LeEco und unseren Automobilprojekten mehr Zeit zu geben. Wir werden unsere Schulden gegenüber Banken, Zulieferern und allen anderen Beteiligten zurückzahlen, aber wir brauchen eine Chance, unsere Situation zu stabilisieren.”Dies ist ein markanter Tempowechsel für einen der umtriebigsten chinesischen Entrepreneure, der es in den vergangenen drei Jahren besonders eilig zu haben schien, in allen möglichen Facetten des Internet- und Technologiemarktes mitzumischen und sich dabei flotte Kampfansagen an amerikanische Sektorplayer aus dem Silicon Valley wie Apple und Tesla zu leisten.Der 44-jährige Jia gilt als extrem kommunikationsfreudig, um nicht zu sagen großmäulig, wenn es darum geht, LeEco als einen bahnbrechenden Entwickler von “disruptiven Technologien” anzupreisen und gleichzeitig andere Branchenriesen nicht nur im Silicon Valley, sondern auch aus heimischen Gefilden zu diskreditieren. So geißelt er etwa Chinas Internetsektorgrößen Alibaba, Baidu und Tencent als eigentlich schon verkrustete Innovationsverhinderer und Monopolisten.LeEco hat sich binnen kürzester Zeit in sieben Segmenten des Technologiemarktes breitgemacht, dazu gehören vor allem ein Internet- und Videostreamingdienst, der als chinesische Antwort auf Netflix und Youtube zugleich gelten soll, der Bau von Smartphones wie auch Smart-TVs, ein Filmproduktionsgeschäft, Sportvermarktung, ein Fahrvermittlungsdienst à la Uber und nicht zuletzt das in den USA aufgezogene Elektromobilitätsprojekt Faraday Futures. Elektro-BolideMit Faraday wollte Jia dem amerikanischen Start-up-Platzhirsch in Sachen Elektroautos, Tesla, sozusagen im Heimatrevier einen chinesischen Kontrahenten vor die Nase setzen. Es geht um den Bau des schnellsten E-Fahrzeuges auf der Welt, das mit über 1 000 PS dem Tesla-Modell S die Rücklichter zeigen soll. Faraday wollte in Nevada unter kräftigen Beihilfen der dortigen Bundesstaatsregierung für 1 Mrd. Dollar Investitionsaufwand ein Werk für den Bau von Elektrotraumfahrzeugen aufziehen, aber das sowieso schon wackelig wirkende Unterfangen ist jetzt erst einmal abgeblasen worden.Was nun tatsächlich vom LeEco-Imperium übrigbleiben wird, ist noch nicht ganz absehbar und wird wohl tatsächlich davon abhängen, wie viel Geduld die Geldgeber noch aufbringen. In jedem Fall hat LeEco in den letzten Monaten vor dem Hintergrund einer immer heftigeren Cashklemme und höchst untransparenter Verschiebespielchen von Finanzmitteln zwischen einzelnen Einheiten der Gruppe bereits an einigen Stellen die Reißleine ziehen müssen.So hat man die 2 Mrd. Dollar schwere Übernahme des amerikanischen TV-Herstellers Vizio, von dem sich Jia den Durchbruch im US-Markt erhofft hatte, wieder abgebrochen. Auch hier gibt es Ärger, weil LeEco es bislang versäumt hat, die bei Abbruch der Transaktion fällige Entschädigung über rund 100 Mill. Dollar zu zahlen. Andere LeEco-Einheiten in den USA sind auf eine Rumpfmannschaft zusammengeschrumpft, und aus dem Fahrvermittlungsdienst Yidao Yongche (Easycar) hat man sich klammheimlich wieder zurückgezogen. Geldspritze verdampftMan konnte schon seit einigen Monaten feststellen, dass sich Jia wahrscheinlich übernommen hat, doch gelang es ihm dank beträchtlicher charismatischer Fähigkeiten, nicht nur die wichtigsten Investoren wie den chinesischen Private-Equity-Fonds China Bridge Capital an Bord zu halten, sondern sogar neue Investoren zu finden. Im Frühjahr zeigte sich der chinesische Immobilienentwickler Sunac bereit, einen gewaltigen Betrag von 16,8 Mrd. Yuan, das sind rund 2,2 Mrd. Euro, bei LeEco und deren börsennotierter Hauptgesellschaft Leshi Internet einzuschießen.Sunac musste allerdings feststellen, dass die Gelder nicht neuen Geschäftsinitiativen zugutekommen, sondern in Windeseile zur Ablösung von Schulden verbrutzelt wurden. Und auch dies scheint nicht gereicht zu haben, um das Cashmanagement-Chaos bei LeEco zu lichten. VermögenssperreEiner der Gläubiger, die chinesische Großbank China Merchants, hat Anfang Juli vor dem Hintergrund von Zahlungsversäumnissen bei der LeEco-Tochter Le Mobile vor einem Gericht in Schanghai eine Vermögenssperre erwirkt, die das Milliardenvermögen von Jia und seiner Frau zu eingefrorenen Aktiva erstarren lässt. Diese erstrecken sich auf private Vermögenstitel im Wert von rund 170 Mill. Dollar sowie Aktien der Einheit Leshi Internet über rund 2,3 Mrd. Dollar, die nun sozusagen als Sicherheitenstellung dienen. Trotzige TraumfortsetzungJia betont freilich, dass er noch lange nicht aufgeben will und die LeEco Holding weiterführen wird. Er hat allerdings den Posten des Chairman bei der von der Aktiensperre betroffenen Leshi Internet geräumt, sich dafür aber nun zum Chairman der Automobilsparte von LeEco aufgeschwungen.Jia ist von chinesischen Medien öfters mit dem legendären Apple-Gründer Steve Jobs verglichen worden, er scheint aber selber mehr dem nicht minder exzentrischen Tesla-Gründer Elon Musk nachzueifern und will unbedingt am Autogeschäft festhalten. Seine Botschaft mit der Bitte um Zeit und Vertrauen endete denn auch mit der trotzigen Kampfansage: “LeEcos Automobilgeschäft wird an seiner Strategie festhalten und, egal wie groß die Hindernisse auch sein mögen, sich kein bisschen vom Ziel ablenken lassen, die Automobilbranche zu revolutionieren.”