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Lundmark hat bei Nokia keine Zeit zu verlieren

Von Heidi Rohde, Frankfurt Börsen-Zeitung, 3.3.2020 In der Krise besinnt sich Nokia auf eine Tradition: die Führung durch einen Finnen. Ob Pekka Lundmark, der zum 1. September den Chefposten von Rajeev Suri übernehmen soll, dem angeschlagenen...

Lundmark hat bei Nokia keine Zeit zu verlieren

Von Heidi Rohde, FrankfurtIn der Krise besinnt sich Nokia auf eine Tradition: die Führung durch einen Finnen. Ob Pekka Lundmark, der zum 1. September den Chefposten von Rajeev Suri übernehmen soll, dem angeschlagenen Telekomausrüster mit der gleichen Fortune zu neuem Glanz verhelfen wird wie einst Jorma Ollila – der aus einem Gemischtwarenladen den weltweit führenden Handy-Hersteller formte -, muss sich zeigen. Die nötige Kaltblütigkeit und Durchsetzungsstärke dürfte Lundmark immerhin mitbringen.Der 57-Jährige hat hierzulande in seiner gegenwärtigen Rolle als Fortum-CEO von sich reden gemacht. Er brachte in einem rund zweijährigen zähen Ringen die Übernahme des hiesigen Energieversorgers Uniper durch, die von Management und Belegschaft als feindlich bekämpft wurde. Dabei verbündete er sich mit den US-Hedgefonds Elliott und Knight Vinke, deren Anteile an Uniper Fortum erwarb, und verhandelte erfolgreich mit den russischen Kartellbehörden.Bei Nokia betritt Lundmark, der sich, wie er sagte, “schwergetan” hat, Fortum zu verlassen, sich aber von einem “sehr attraktiven Angebot” locken ließ, kein absolutes Neuland. Der Manager, der 2015 nach vielen Jahren als Chef des Hebetechnikunternehmens Konecranes an die Spitze von Fortum gerückt war, blickt auch bereits auf eine zehnjährige Laufbahn bei Nokia zurück. Zwischen 1990 und 2000 hatte er bei dem Konzern verschiedene Führungspositionen inne, zuletzt als Strategiechef der damals kleineren Sparte Nokia Networks. So ist er als Rückkehrer zugleich ein Insider im heutigen Kerngeschäft der Finnen.Dies dürfte bei der Wahl Lundmarks keine geringe Rolle gespielt haben, denn der neue Konzernchef hat bei seiner Aufgabe keine Zeit zu verlieren. Chairman Risto Siilasmaa, der selbst nach der Hauptversammlung im April abtreten will, machte in der Würdigung von Lundmarks Verdiensten zugleich seine Erwartungen deutlich: Als Fortum-Chef habe dieser “einen konstant robusten Total Shareholder Return” geliefert und die Strategie des Unternehmens erfolgreich neu aufgesetzt, so Siilasmaa.Bei der Neuausrichtung von Nokia ist Eile geboten. Der Konzern hatte seine Investoren insbesondere mit einer harschen Gewinnwarnung und Streichung der Dividende im vergangenen Herbst schwer vergrätzt. Die Aktie, die gestern in Helsinki leicht auf 3,42 Euro nachgab, verlor an einem einzigen Tag 23 %. Suri, der den Telekomausrüster seit 2014 führt und insgesamt 25 Jahre im Unternehmen ist, musste damals einräumen, dass sich die mit dem neuen Mobilfunkstandard 5G verknüpften Hoffnungen auf neues Umsatz- und Ertragswachstum vorläufig nicht erfüllen würden. Dies obwohl der chinesische Branchenprimus Huawei, der zuvor Ericsson als langjährigen Marktführer vom Thron gestoßen hatte, seit über einem Jahr schwer unter Beschuss steht.Die USA verdächtigen Huawei der Spionage für die chinesische Regierung und haben einen weitreichenden Bann ausgesprochen, der den Konzern beim Bau von Mobilfunknetzen in den USA ausschließt und Geschäfte mit Huawei generell stark erschwert. Seither diskutieren auch die westlichen Verbündeten der Amerikaner über Beschränkungen für die Chinesen. Schwäche bei 5GAus all dem hat Nokia jedoch zur Enttäuschung der Aktionäre keinen Profit schlagen können. Im Gegenteil: Das Kerngeschäft mit Mobilfunknetzen trat im vergangenen Jahr praktisch auf der Stelle, das bereinigte operative Ergebnis sackte sogar um 8 % ab. Nachdem die Nettocashposition um 43 % eingebrochen war, strich das Unternehmen die Dividende, um Spielräume für Forschung und Entwicklung zu gewinnen. Hier hatten die Finnen nach Einschätzung von Branchenexperten in den vergangenen Jahren Fehler gemacht, die dazu führten, dass der Konzern bei 5G schwach am Start war. Kunden wie Deutsche Telekom oder Telefónica berichten über Defizite und fehlende Lieferfähigkeit der Finnen. Huawei gewann trotz heftigen politischen Gegenwinds auch in Europa an Boden.Suri, der bereits viele Jahre Chef der Netzwerksparte war, bevor der Konzern das zum Desaster gewordene Handy-Geschäft endgültig aufgab und sich auf Netze konzentrierte, wurde vor allem die milliardenschwere Akquisition von Alcatel-Lucent zum Verhängnis. Die Integration des 2016 übernommenen Konkurrenten beschäftigte Nokia über Jahre mit Personalabbau und hohen Restrukturierungskosten. Im Kerngeschäft mit Netzen ging der Fokus verloren. Suri richtete Nokia verstärkt auf das Software-Geschäft sowie Unternehmensnetze aus. Beide Bereiche zeigten zuletzt solides Wachstum und Gewinne, konnten aber das drückende Gewicht der stagnierenden Netzwerksparte nicht abfangen.Der 52-jährige gebürtige Inder zeigte sich indes überzeugt, dass sich bei seinem Ausscheiden “eine bessere Performance bereits am Horizont” abzeichne. Er übergibt den Stab an Lundmark offiziell am 1. September, soll jedoch Nokia noch bis Jahresende als Berater für einen “gleitenden Übergang” zur Verfügung stehen.