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Wendelin Wiedeking 65

Von Claus Döring, Frankfurt Börsen-Zeitung, 25.8.2017 "Es gibt ein Leben nach Porsche", sagte Wendelin Wiedeking im Jahr 2008 im Interview, damals nicht ahnend, dass dieser Lebensabschnitt schon ein Jahr später beginnen würde. Wobei seine Zeit bei...

Wendelin Wiedeking 65

Von Claus Döring, Frankfurt”Es gibt ein Leben nach Porsche”, sagte Wendelin Wiedeking im Jahr 2008 im Interview, damals nicht ahnend, dass dieser Lebensabschnitt schon ein Jahr später beginnen würde. Wobei seine Zeit bei Porsche, wo er von 1992 bis 2009 den Vorstandsvorsitz innehatte, sein Leben bis zum Sommer vorigen Jahres noch intensiv begleitete. Erst der Freispruch vom Vorwurf der Marktmanipulation durch das Stuttgarter Landgericht im März 2016 und die Rücknahme der Revision durch die Staatsanwaltschaft im darauf folgenden Juli zogen den Schlussstrich unter das von Wiedeking geprägte Kapitel Porsche-Geschichte. Es begann, als er 1992 von den Familieneigentümern Porsche und Piëch an die Spitze des in rote Zahlen und schwere Schieflage geratenen Sportwagenbauers geholt wurde, und endete mit der Übernahme des stark gewachsenen und hochprofitablen Luxusautoherstellers durch Volkswagen, wo inzwischen ebenfalls die Porsche-Eigentümerfamilien das Sagen hatten. Das DavidprinzipDamit endete auch die Geschichte des David aus Zuffenhausen, der es mit den Branchen-Goliaths aufnimmt – eine Story, die in Wiedekings Buch “Das Davidprinzip” schon vor dem Einstieg Porsches bei VW und dem späteren Übernahmeversuch geschrieben wurde und den Nerv der Zeit wie auch die Gefühlslage der sich einer globalisierten Welt ausgeliefert fühlenden Zeitgenossen traf.Es hatte immer etwas Originelles und Unterhaltsames, wenn Wiedeking sich zu Wort meldete. In völliger Verkennung seines schauspielerischen Talents und westfälischen Humors schrieben Kollegen einst dem frisch gekürten Porsche-Chef die Ausstrahlung eines “Buchhalters einer Rollladenfirma” zu. Sie konnten nicht ahnen, dass dieser “Buchhalter”, immerhin summa cum laude promovierter Maschinenbauingenieur, später vom Aachener Karnevalsverein sogar zum “Ritter wider den tierischen Ernst” geadelt würde. Zum “Manager des Jahres” konnte sich ja jeder ausrufen lassen, der seinen Laden ein paar Jahre einigermaßen erfolgreich führte und außerdem die Anzeigenseiten gewisser Magazine füllte. Aber als Manager auch noch Humor, Ironie und Sprachwitz bescheinigt zu bekommen, das war ungewöhnlich genug und Ergebnis einer gezielten persönlichen Markenpflege, die perfekt zum Produkt passte. Die Aktionäre bereichertFür seine Kollegen in den Vorstandsetagen der deutschen Industrie gab Wiedeking den Hofnarren, der ihnen den Spiegel vorhielt und dem Volk die Wahrheit sagte. Zumindest das, was er selbst für die Wahrheit hielt. Und auch nicht alle Wahrheiten waren seiner Meinung nach fürs Volk geeignet. Beispielsweise nicht die Höhe seiner Bezüge als Porsche-Chef. “Das würde die Republik nicht verkraften”, kokettierte Wiedeking im Herbst 2007 – und die gut 100 Mill. Euro, die er fürs Geschäftsjahr 2007/2008 einstrich, hat die Republik dann tatsächlich nicht verkraftet und prompt regulatorische wie auch gesetzgeberische Initiativen gestartet. Richtig reich gemacht hat er mehr als sich aber seine Aktionäre, insbesondere die Familien Porsche und Piëch: Der Börsenwert von Porsche kletterte unter Wiedeking von 300 Mill. auf 25 Mrd. Euro (2007).Wendelin Wiedeking, das war nicht nur David gegen Goliath, das war auch der kalkulierte Regelbruch. Wenn er sich mit Kapitalisten, Analysten, Bankern (“Banken darf man nicht trauen”) und Subventionsempfängern (vor allem in der eigenen Branche) anlegte, klatschten viele seiner Vorstandskollegen aus anderen Unternehmen heimlich Beifall und schrieben ihm ermunternde Briefe. Beispielsweise, als er gegen die Kurzfristorientierung der Kapitalmärkte und die Pflicht zur Quartalsberichterstattung zu Felde zog, den Konflikt mit der Deutschen Börse riskierte und den Rausschmiss von Porsche aus dem MDax provozierte.Nicht immer konnte Wiedeking auf die heimliche Solidarität der Deutschland AG setzen. Seine wiederholte Kritik an Subventionen für Unternehmen, insbesondere für Wettbewerber, die Verteufelung von Niedriglöhnen in Deutschland, die offene Sympathie für den damaligen SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder und dessen Agenda 2010 und dann noch die große Klappe – das passte nicht so recht in die Welt der feinen Nadelstreifen. Aber umso besser in die PS-strotzende Sportwagen- und SUV-Welt.Den großen Auftritt sucht Wiedeking heute nicht mehr. Als Unternehmer und Investor genießt er es, sein eigener Herr zu sein. Wobei die größeren unter seinen bald 20 Firmen und Beteiligungen durchaus bekannte Namen tragen, wie die Pizzakette Tialini mit fünf Filialen (Stuttgart, Freiburg, Karlsruhe, Ludwigshafen und Wiesbaden), der Online-Ferienhausvermieter E-Domizil oder die Herrenschuhmanufaktur Dinkelacker, die Ende 2016 mit dem Onlineschuhhändler Shoepassion fusioniert hat. Trojaner von AudiMit seiner automobilen Vergangenheit hat Wiedeking nur noch in seiner Freizeit zu tun, wenn er beispielsweise seine umfängliche Sammlung von Porsche-Traktoren (gebaut von 1950 bis 1963) ausfährt. Allesamt schwere Diesel, versteht sich, wobei Wiedeking vom Diesel als Pkw- oder gar Sportwagenantrieb überhaupt nichts hält. Dennoch gab er dem Druck des europäischen Absatzmarktes (und seines Familienaktionärs Ferdinand Piëch) nach und bestückte das Nobel-SUV Cayenne ab 2008 auch mit Dieselmotoren. Nicht selbst gebaut, sondern komplett von Audi gekauft, und zwar inklusive Motorsteuerungssoftware. Was Wiedeking heute über diesen Trojaner von Audi denkt, der jüngst gar ein Zulassungsverbot für den Diesel-Cayenne zur Folge hatte, fragt man besser nicht. Es könnte ihm die Laune an seinem 65. Geburtstag verderben, den Wiedeking am 28. August feiern wird.