Wenning gibt Vorsitz im Bayer-Aufsichtsrat ab
Wenning gibt Vorsitz im Bayer-Aufsichtsrat ab
Von Annette Becker, DüsseldorfNach mehr als 50 Jahren im Dienst von Bayer zieht sich Werner Wenning (73) mit der Hauptversammlung Ende April von der Aufsichtsratsspitze zurück. Norbert Winkeljohann, der einstige Europa- und Deutschland-Chef des Wirtschaftsprüfers PwC, soll dann an die Aufsichtsratsspitze treten. Das beschloss das Kontrollgremium von Bayer in seiner heutigen Sitzung.Wenning, der den Aufsichtsrat seit 2012 führt und sein gesamtes Berufsleben bei Bayer verbrachte, habe das Kontrollgremium ursprünglich schon 2019 mit Erreichen der in der Geschäftsordnung vorgeschriebenen Altersgrenze von 72 Jahren verlassen wollen, heißt es. Angesichts der Klagewelle im Zusammenhang mit dem Unkrautvernichter Glyphosat und dem damit Hand in Hand gehenden Kurssturz der Aktie habe er sich von seinen Kollegen im Kontrollgremium jedoch zum Weitermachen bewegen lassen – wissend, dass das kein Spaziergang würde.Die Quittung kam prompt in der Hauptversammlung vorigen Jahres. Erstmals in der Geschichte wurde der Vorstand eines Dax-Unternehmens nicht entlastet, und auch dem Aufsichtsrat sprachen die Anteilseigner nur knapp ihr Vertrauen aus. Nun aber zeichnet sich eine außergerichtliche Einigung mit den zigtausend Klägern in den USA ab. “Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, mein Amt an einen Nachfolger zu geben”, erklärt Wenning. Bayer sei strategisch und operativ auf einem sehr guten Weg. “Im Hinblick auf die Handhabung der rechtlichen Themen in den USA haben wir zudem Fortschritte gemacht und setzen dies fort.” Zuletzt war der Beginn zahlreicher Glyphosat-Verfahren verschoben worden. Das galt als Zeichen für einen nahenden Vergleich.Es ist sicher keine Übertreibung, wenn Wenning sagt: “Diesem Wunsch bin aus meiner tiefen Verbundenheit zum Unternehmen gerne nachgekommen.” In ähnlicher Weise hatte sich der in Corporate Deutschland angesehene Manager schon einmal in die Pflicht nehmen lassen. Um seinem Nachfolger an der Vorstandsspitze, Marijn Dekkers, ausreichend Zeit zur Einarbeitung zu geben, hatte Wenning seinen im Januar 2010 auslaufenden Vorstandsvertrag kurzerhand um acht Monate verlängert. Denn mit der Entscheidung für Dekkers als Wenning-Nachfolger hatten sich gleich zwei langjährige Vorstandsmitglieder verabschiedet.Zwar wäre Wennings Vertrag noch bis 2022 gelaufen, doch hatten die Investoren bei seiner Wiederwahl 2017 unmissverständlich klargemacht, dass er altersbedingt keine volle Amtszeit mehr als Aufsichtsratschef agieren solle. Für seine Wiederwahl hatte sich seinerzeit Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance der Deka Investment, starkgemacht. Wenning kenne Bayer wie kein Zweiter und sei aus diesem Grund prädestiniert, die Übernahme und Integration von Monsanto zu begleiten, begründete der Fondsmanager damals. Wenning gilt neben Vorstandschef Werner Baumann als treibende Kraft hinter der größten Akquisition der Firmengeschichte von Bayer.Der Nominierungsausschuss des Aufsichtsrats habe sich schon vor seinem Entschluss zum Rückzug mit der Nachfolgefrage beschäftigt und Winkeljohann zum Nachfolger an der Spitze des Kontrollgremiums erkoren, erläutert Wenning. Der gelernte Steuerberater und Wirtschaftsprüfer gehört dem Aufsichtsrat seit der Hauptversammlung 2018 an. Bislang saß der 62-Jährige dem Prüfungsausschuss vor. Das soll sich künftig ändern. Denn die frei werdende Stelle im Aufsichtsrat, der sich aus 20 Mitgliedern zusammensetzt, soll nach den Vorstellungen von Bayer der ehemalige Finanzvorstand von Tui, Horst Baier (63), einnehmen. Ein entsprechender Wahlvorschlag werde der Hauptversammlung unterbreitet. Im Falle seiner Wahl solle Baier anschließend von Winkeljohann den Vorsitz im Prüfungsausschuss übernehmen.Mit der Besetzung der Aufsichtsratsspitze durch einen externen Manager geht Bayer neue Wege. Bislang galt es als ungeschriebenes Gesetz, dass der scheidende Vorstandsvorsitzende an die Spitze des Kontrollgremiums tritt. Dieser direkte Weg war Wenning 2010 allerdings verwehrt geblieben, hatte der Gesetzgeber zwischenzeitlich doch eine zweijährige Abkühlphase für ausgeschiedene Vorstandsmitglieder eingeführt. Wenning fügte sich murrend und übernahm erst im Oktober 2012 den Aufsichtsratsvorsitz von Manfred Schneider. Zweifel am KompetenzprofilBayer-intern ist man voll des Lobes über die Nachfolgeregelung an der AR-Spitze: “Mit Herrn Prof. Winkeljohann haben wir einen neuen Aufsichtsratsvorsitzenden ernannt, der über eine außerordentliche Expertise und umfangreiche Erfahrung aus seiner Manager- sowie Prüfer- und Beratertätigkeit verfügt”, sagt der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende Oliver Zühlke, und auch Wenning ist der Ansicht, dass mit Winkeljohann eine Führungspersönlichkeit ausgewählt wurde, “die Bayer in eine neue Phase als führendes und fokussiertes Life-Science-Unternehmen in die Zukunft begleitet”. Die externe Sicht auf den neuen Chefkontrolleur von Bayer ist dagegen eine andere. “Wir hätten uns jemanden mit mehr internationaler Pharma- und Agrarexpertise gewünscht”, sagt Speich der Börsen-Zeitung. Er hält das Kompetenzprofil des Wirtschaftsprüfers für problematisch.