Airbus kann drohende hohe Geldbuße verdauen
Airbus kann drohende hohe Geldbuße verdauen
Von Stefan Kroneck, MünchenDieser Tage hat Airbus-Konzernchef Tom Enders eine Bombe platzen lassen, als er vor möglichen hohen Strafzahlungen wegen Korruptionsermittlungen gegen das Unternehmen warnte. Aufgrund der Tragweite seiner Aussage reagierten die Anleger erstmals auf diesen Komplex verunsichert, obwohl der Verdacht der Bestechung im Markt schon länger bekannt ist. Seit Montag befindet sich die Aktie des Boeing-Rivalen, die Anfang Oktober mit 82 Euro einen Höchstkurs erreicht hat, im Sinkflug. In den vergangenen vier Tagen büßte das Papier 5 % an Wert ein, rund 3 Mrd. Euro Marktkapitalisierung lösten sich auf.Die Investoren befürchten, eine umfangreiche Geldbuße könnte die Finanzmittel des Konzerns mit Hauptsitz in Toulouse derart schmälern, dass sogar die strategischen Handlungsspielräume des Unternehmens beeinträchtigt wären. Ist das tatsächlich ein hohes Risiko für Airbus?Zunächst zu den Fakten: Kern der Angelegenheit sind Untersuchungen der britischen und französischen Antikorruptionsbehörden, die Airbus mit einer Eigenanzeige selbst ins Rollen brachte. Dabei geht es um dubiose Zahlungen an Mittelsleute im Geschäftsverkehr mit Fluggesellschaften bei Neu- bzw. Erstaufträgen für zivile Passagiermaschinen. Die Ermittler gehen Hinweisen nach, dass dabei Schmiergelder im Spiel gewesen sein könnten. In der Causa ist die Strafverfolgungsbehörde Serious Fraud Office (SFO) aus London, die bei schweren Fällen von Wirtschaftskriminalität zum Einsatz kommt, seit August 2016 aktiv. Das Pendant in Paris (Parquet National Financier) schaltete sich erst im März dieses Jahres ein (vgl. BZ vom 17. März).Da sich die behördlichen Untersuchungen in der Anfangsphase befinden, könnte eine Geldstrafe für Airbus – wenn überhaupt – erst in ein paar Jahren bilanziell relevant werden, wenn man die Bestechungsaffäre bei Rolls-Royce zum Maßstab nimmt. Aufgrund von Korruptionsanschuldigungen im Geschäftsverkehr unter anderem in Indonesien und China zahlte der britische Triebwerkhersteller im Januar eine Geldstrafe von 670 Mill. Pfund (740 Mill. Euro), um auf diese Weise die heikle Angelegenheit außergerichtlich beizulegen (vgl. BZ vom 17. Januar). Die Ermittlungen des SFO liefen bis dahin fast fünf Jahre. LBBW: 1,8 Mrd. Euro StrafeDie illegalen Machenschaften bei Rolls-Royce riefen seinerzeit auch die US-Justizbehörden auf den Plan, die dafür bekannt sind, nicht zimperlich zu sein. Letztere haben sich zwar im Fall von Airbus bislang noch nicht mit einem Verfahren eingeschaltet, könnten dies aber noch nachholen. Schließlich hat Airbus auch Fertigungsstandorte in den USA (Bundesstaat Alabama).Vor dem Hintergrund des Lösungsmodells Rolls-Royce will Enders vermutlich ebenfalls die Sache mit einem Vergleich erledigen, um das Risiko eines noch größeren finanziellen Schadens zu vermeiden. Ansonsten könnten die Ermittlungen in der komplexen Materie in ein langes Gerichtsverfahren münden. Das würde Airbus womöglich noch mehr Geld kosten – verbunden mit einem immensen Zeitaufwand.Die LBBW rechnet damit, dass eine Geldbuße für Airbus dem Zweieinhalbfachen der Strafe für Rolls-Royce entsprechen könnte. Die Landesbank aus Stuttgart erwartet eine Belastung für Airbus von 1,8 Mrd. Euro. Für den Luftfahrt- und Rüstungskonzern wäre das zwar eine schmerzliche Summe, aber dank seiner soliden Liquiditätsausstattung verkraftbar. Im ersten Halbjahr betrug die Nettoliquidität 7,9 Mrd. Euro – 3,2 Mrd. Euro weniger als Ende 2016. Der freie Cash-flow (vor Fusionen, Übernahmen und Kundenfinanzierungen) lag per 30. Juni bei – 2,1 Mrd. Euro – immerhin eine Verbesserung um 550 Mill. Euro gegenüber dem Stand von Mitte 2016. Derzeit viel Kapital gebundenDer Produktionshochlauf des Langstreckenflugzeugs A350 und des modernen Mittelstreckenmodells A320neo bindet zunächst umfangreiche finanzielle Mittel. Dies ist aber ein vorübergehender Prozess. Wenn Airbus die Fertigung schrittweise weiter erhöht, zugleich das Working Capital senkt und im Jahresschlussquartal erfahrungsgemäß vor allem im Rüstungsgeschäft hohe Vorauszahlungen verbucht, wird der Cash-flow zum Jahresende wieder ins Positive drehen. Dann wird sich die Nettoliquidität 2017 voraussichtlich auf das Vorjahresniveau einpendeln. Sollte Airbus die Auslieferungspläne für die Programme A350 und A320neo einhalten, könnte die Konzernspitze auf mittlere Sicht mit steigenden Ergebnissen und einer wachsenden Firmenkasse aufwarten. Vor diesem Hintergrund wäre eine Geldstrafe für Airbus problemlos zu bewältigen.Airbus hätte zudem noch ausreichend Mittel übrig, um abermalige Zusatzkosten auf der Dauerbaustelle A400M zu decken, falls weitere Mehraufwendungen auftreten sollten. Die nicht abreißende Pannenserie beim Militärtransportflugzeug – sowohl in Bezug auf die Qualität als auch in Bezug auf die Konzernbilanz – ist aber eine andere, lästige Geschichte für alle Beteiligten.