Airbus verlangsamt Mittelabfluss

Defizitärer Luftfahrtkonzern rechnet für Personalabbau mit Rückstellungen von bis zu 1,6 Mrd. Euro

Airbus verlangsamt Mittelabfluss

Mitten in der Coronakrise kann Airbus die Anleger mit dem Hinweis beruhigen, dass in der laufenden zweiten Jahreshälfte der Nettoabfluss an Barmitteln gestoppt werde. Im ersten Halbjahr verbrannte der Boeing-Rivale 12,4 Mrd. Euro. An der Pariser Börse sprang die Aktie in der Spitze um 6 %. sck München – Der von der Coronakrise heftig durchgerüttelte Luftfahrtkonzern Airbus hat zwar im zweiten Quartal nach tiefroten Zahlen die milliardenhohen Mittelabflüsse etwas eindämmen können, doch Konzernchef Guillaume Faury muss noch weitere Sparmaßnahmen treffen, um die deutlich löcherige Firmenkasse ins Lot zu bringen. Zur Vorlage der Zahlen fürs zurückliegende Quartal kündigte er an, die monatliche Produktion des modernen Langstreckenpassagierflugzeugs A350 auf fünf Stück zu reduzieren. Das entlastet das Working Capital zusätzlich.Zuvor kündigte er an, 15 000 Stellen weltweit zu streichen. Das sind 11 % aller Beschäftigten im Unternehmen. In einer Telefonkonferenz mit Journalisten räumte Finanzvorstand Dominik Asam ein, dass der geplante Personalabbau zunächst für Mehrkosten in Form von Rückstellungen unter anderem für Abfindungen in einer geschätzten Bandbreite von 1,2 Mrd. bis 1,6 Mrd. Euro sorgen werde. Der CEO wies darauf hin, dass derzeit die Geschäftsführung und die Arbeitnehmervertreter über Detailfragen verhandelten. Anfang Juli gab der Boeing-Rivale aus Toulouse die Kernpunkte seiner Stellenstreichungen bekannt (vgl. BZ vom 2. Juli). Anleger reagieren erleichtertFaury hofft, mit seinen weiteren Gegenmaßnahmen in der Fertigung den Mittelabfluss in der laufenden zweiten Jahreshälfte zu stoppen. Aufgrund der Pandemie verbrannte Airbus im Dreimonatsabschnitt April bis Ende Juni 4,4 Mrd. Euro nach 8 Mrd. Euro zum Jahresauftakt. Der Kapitalmarkt hatte 5,5 Mrd. Euro befürchtet.Die Anleger goutierten den geringer als erwartet ausgefallenen Mittelverbrauch auf Basis des freien Cash-flow vor Akquisitionen, Fusionen und Kundenfinanzierungen gemäß Airbus. An der Pariser Börse sprang die Aktie in der Spitze um 6 %, baute im weiteren Tagesverlauf ihre Kursgewinne ab und beendete den Handel bei 63,75 Euro (+ 2,5 %). Airbus bringt am Markt 50 Mrd. Euro auf die Waage. Im März brach der Titel aufgrund der Panikstimmung unter den Investoren auf bis zu 49 Euro ein. Im Februar, kurz vor dem Ausbruch des Covid-19-Virus zu einer Pandemie, notierte der Anteilschein noch bei 136 Euro. Verlust höher als befürchtet Derweil riss die Coronakrise das Unternehmen tief in die Verlustzone. Im Frühjahrsquartal verlor der Konzern vor Zinsen und Steuern (Ebit) 1,6 Mrd. Euro nach einem operativen Gewinn von 1,9 Mrd. Euro ein Jahr zuvor. Im ersten Quartal schrumpfte das Ebit auf 79 (i.V. 181) Mill. Euro. Wie sein Rivale Boeing war Airbus gezwungen, wegen der Seuche die Fertigung und den Absatz drastisch zu kürzen. Die unter Druck geratenen Airlines verschoben ihre Abnahmetermine und drosselten ihre Neubestellungen. Der operative Fehlbetrag fiel höher aus als von Analysten befürchtet. Die Researchhäuser und die Banken rechneten im Schnitt mit einem Defizit von 1,25 Mrd. Euro. Im ersten Halbjahr brach der Absatz von zivilen Flugzeugen um die Hälfte auf 196 Einheiten ein. Nach sechs Monaten stand ein Fehlbetrag von 1,9 Mrd. Euro in den Büchern nach einem Gewinn von 1,2 Mrd. Euro (vgl. Tabelle). “Schwierige Situation”Der operative Verlust der Kernsparte Commercial Aircraft betrug 1,8 Mrd. Euro. Im gleichen Vorjahreszeitraum erwirtschaftete der Konzern noch einen Überschuss von 2 Mrd. Euro. “Diese Ergebnisse spiegeln die Auswirkungen von Corona wider, die durch unsere Anpassungsmaßnahmen abgemildert wurden”, kommentierte Faury.Es handle sich um eine schwierige Situation mit viel Ungewissheit, sagte der CEO. Faury steht seit knapp anderthalb Jahren an der Spitze von Airbus. “Mit den Entscheidungen, die wir getroffen und nun umgesetzt haben, glauben wir, dass wir uns in unserer Branche in einer angemessenen Position befinden, um diese herausfordernden Zeiten zu meistern.”Beim bisherigen Verkaufsschlager, der Mittelstreckenmodellreihe A320neo, soll es keine weiteren Kürzungen geben. Faury hatte bereits im April angekündigt, dass der Konzern monatlich vorerst nur noch 40 statt 60 Exemplare der Baureihe fertigen wird. Möglicherweise könne man die Produktion in dem Segment im Jahr 2022 wieder ein Stück hochfahren, sagte er nun. Bei den Langstreckenjets A350 und A330neo werde es voraussichtlich länger dauern, bis sich die Nachfrage erhole.Eine neue Prognose für Umsatz und Ergebnis im laufenden Jahr wagte der Konzernchef nicht. Die hohen Defizite lassen indes das Eigenkapital des Konzerns deutlich abschmelzen. Zum Halbjahr betrug dieses nur noch 1,3 Mrd. Euro. Das entsprach nur noch 1,2 % der Bilanzsumme.Ein Jahr zuvor verfügte Airbus über ein Eigenkapital von 7,4 Mrd. Euro. Das entsprach einer Eigenkapitalquote von immerhin 6,6 % (vgl. Grafik).