Buffett nimmt sich Verwaltungsräte vor

Klage über Mangel an kritischen Stimmen - Cockerspaniel statt Pitbull - 5 Mrd. Dollar für Aktienrückkäufe

Buffett nimmt sich Verwaltungsräte vor

nok New York – Der amerikanische Starinvestor Warren Buffett hat die gängige Praxis bei der Besetzung von Verwaltungsräten amerikanischer Unternehmen kritisiert. Diese Aufsichtsgremien litten trotz aller Reformen weiter unter einem Mangel an kritischen Stimmen, die Entscheidungen der Geschäftsführung in Frage stellten. “Wenn sich Vorstandschefs nach Verwaltungsräten umsehen, suchen sie keine Pitbulls. Sie nehmen den Cockerspaniel mit nach Hause”, schrieb Buffett im aktuellen Brief an die Aktionäre seiner Anlagegesellschaft Berkshire Hathaway. Der 89 Jahre alte Buffett nutzt den vielbeachteten Aktionärsbrief häufig, um vermeintliche Missstände an der Wall Street anzuprangern.Im Gegensatz zu Deutschland vereinigt ein amerikanischer Verwaltungsrat die Funktionen von Vorstand und Aufsichtsrat. Ein US-Vorstandschef (CEO) ist daher häufig auch Vorsitzender des Verwaltungsrats (Chairman). Um eine unabhängige Kontrolle der Geschäftsführung zu gewährleisten, treffen sich Verwaltungsratsmitglieder allerdings regelmäßig in Abwesenheit des Vorstands, um heikle Themen wie Vergütung zu diskutieren.Nach Ansicht von Buffett vermeiden Vorstandschefs von US-Unternehmen besonders bei geplanten Akquisitionen eine kritische Auseinandersetzung. “Ich habe noch keinen sich nach einer Übernahme sehnenden Vorstandschef gesehen, der einen informierten und wortgewandten Redner eingeladen hat, um dagegen zu argumentieren”, schrieb Buffett. Der Investor, der Berkshire Hathaway in den vergangenen Jahrzehnten mit einer Reihe von teilweise substanziellen Übernahmen groß gemacht hat, zählt sich selbst allerdings auch zu dieser Gruppe von Spitzenmanagern. Buffett ist in Personalunion CEO und Chairman von Berkshire. Nach seinem Abtritt oder Tod sollen diese Funktionen getrennt werden.Obwohl die Unabhängigkeit von Verwaltungsratsmitgliedern in den vergangenen Jahren an der Wall Street forciert wurde, wies Buffett auf deren Grenzen hin. So spiele bei den vielen selbst nicht vermögenden Verwaltungsratsmitgliedern die gestiegene Vergütung zwangsläufig unterbewusst eine Rolle. Verwaltungsräte, für ihre Tätigkeit mit bis zu 300 000 Dollar im Jahr entlohnt werden, verdienten bis zu viermal so viel wie ein amerikanischer Durchschnittsverdiener, schrieb Buffett. Das führe dazu, dass diese Verwaltungsräte nach einem weiteren Sitz Ausschau hielten, um ihr Einkommen zu verdoppeln. Ein allzu kritisches Verhalten minimiere aber ihre Chancen auf eine neue, lukrative Position. Buffett bemängelte außerdem die trotz aller Fortschritte weiterhin unzureichende Präsenz von Frauen in den Verwaltungsräten. Im Verwaltungsrat von Berkshire sitzen drei Frauen.Berkshire ist gemessen am Börsenwert von knapp 560 Mrd. Dollar das größte amerikanische Unternehmen, das nicht aus der Technologiebranche kommt. Berkshire ist im Kern eine Versicherungsgesellschaft, die die eingenommenen Prämien in Aktien investiert. Berkshire hält seit langem Anteile an großen Finanzdienstleistern wie dem Kreditkartenkonzern American Express oder dem Getränkehersteller Coca-Cola. Buffett war aber immer mehr dazu übergangen, ganze Unternehmen zu erwerben. Unter dem Dach von Berkshire befinden sich daher Großkonzerne wie die Frachteisenbahngesellschaft Burlington Northern Santa Fe oder der Luftfahrtausrüster Precision Castparts. Zu den mehr als 60 Tochtergesellschaften gehören auch einige Mittelständler wie der Cowboystiefelhersteller Justin Brands oder das Textilunternehmen Fruit of the Loom. Die meisten Unternehmen sind amerikanisch, Buffett hatte in den vergangenen Jahren aber auch immer wieder Interesse an internationalen Akquisitionen gezeigt.Berkshire verfügte zuletzt über 128 Mrd. Dollar an Barmitteln, die für Übernahmen eingesetzt werden können. Angesichts der stark gestiegenen Börsenkurse gehen Buffett allerdings die Gelegenheiten für einen Zukauf in “Elefantengröße” aus, wie er das nennt. Apple ist mit einem Anteil im Wert von knapp 74 Mrd. Dollar der größte Einzelwert im Aktienportfolio von Berkshire. Das Depot wird insgesamt von Finanztiteln dominiert (siehe Grafik). Berkshire hält Anteile an fast allen großen amerikanischen Banken, darunter J.P. Morgan Chase, Bank of America und Wells Fargo.Buffett verwendete im vergangenen Jahr 5 Mrd. Dollar, um Berkshire-Aktien zurückzukaufen. Die Aktie des Konglomerats entwickelte sich 2019 mit einem Plus von 11 % aber deutlich schlechter als der breitgefasste Aktienindex S&P 500. Dividendenausschüttungen eingerechnet, hat der S&P 500 im vergangenen Jahr knapp 32 % an Wert gewonnen.Der operative Gewinn von Berkshire ging 2019 aufgrund von Schwächen im Versicherungsgeschäft um 3 % auf 23,9 Mrd. Dollar zurück. Buffett thematisierte im Aktionärsbrief auch die seit Jahren im Raum stehende Frage seiner Nachfolge, ohne allerdings – wie üblich – Namen zu nennen. Berkshire sei hundertprozentig auf einen Führungswechsel vorbereitet, schrieb Buffett. – Wertberichtigt Seite 6