IM INTERVIEW: PATRICK THOMAS

Covestro geht von anhaltend hohem Margenniveau aus

CEO und Interimsfinanzchef: Aktienrückkauf nur zweitbeste Lösung - Auf dem Prüfstand stehen mehr als 400 Akquisitionsziele

Covestro geht von anhaltend hohem Margenniveau aus

– Herr Thomas, trotz der guten Halbjahreszahlen hat sich das Wachstum im zweiten Quartal, insbesondere das Mengenwachstum, etwas abgeschwächt. Woran liegt das?Unsere Kapazitäten sind sehr gut ausgelastet, und da wir in Brunsbüttel Force Majeure aussprechen mussten, hatten wir sogar Kapazitätsengpässe. Während des Börsengangs war die Unterauslastung der Kapazitäten das große Thema, jetzt sind wir schneller am Auslastungsziel angekommen als erwartet. Jetzt geht es darum, die Performance zu verbessern und die Profitabilität zu steigern. Das lässt sich sehr gut an der Umsatzentwicklung ablesen, denn unsere Absatzmengen haben wir im ersten Halbjahr in der erwarteten Größenordnung ausgebaut.- Sie sind für das dritte Quartal sehr optimistisch. Steht dahinter vor allem die Erwartung, die Preise weiter in die Höhe treiben zu können?Wir gehen davon aus, die Preise für Polyurethane auf dem hohen Niveau halten zu können. Bei MDI bin ich sehr zuversichtlich, das erreichte Niveau halten zu können. Bei TDI ist die Ausgangslage etwas unsicherer, da nicht klar ist, wann beispielsweise unsere Wettbewerber weiter oben am Rhein ihre Anlage vollständig ans Laufen bringen.- Analysten zweifeln, dass die Margen – im zweiten Quartal erwirtschaftete Covestro in der Division Polyurethanes eine Umsatzrendite (Ebitda-Marge) von fast 30 % – nachhaltig sind. Sehen Sie das auch so?Wir sind uns bewusst, dass die TDI-Marge nicht notwendigerweise dauerhaft auf diesem Niveau bleibt. Umgekehrt sind die Margen bei MDI, Polycarbonat und in unserem CAS-Segment solide. Diese Bereiche stehen für etwa 90 % unseres Geschäfts.- Sind diese Margen nachhaltig?Ja, insbesondere was CAS und Polycarbonat betrifft. Bei MDI sind die Analysten skeptisch, da in Asien neue Kapazitäten auf den Markt kommen. Das bereitet mir jedoch keine Sorgen, da der Markt derzeit eng ist. Ich glaube vielmehr, dass die Analysten die Kapazitäten überschätzen. Denn in China müssen die Unternehmen die Produktionskapazitäten in der Höhe angeben, für die sie die Lizenz haben, andernfalls wird die Lizenz entzogen. Das heißt aber nicht automatisch, dass diese Menge auch auf den Markt kommt. Von daher gehe ich davon aus, dass wir unser operatives Ergebnis im dritten Quartal deutlich über das Vorjahresniveau heben können. Allein der Preiseffekt sollte im Vorjahresvergleich bei etwa 200 Mill. Euro liegen.- Sie haben eine Reihe von Kapazitätserweiterungen angekündigt. Was bedeutet das für das Investitionsbudget?Das ist in der Planung unserer Sachanlageinvestitionen bereits berücksichtigt, insofern kommt es dort zu keiner Änderung. Letztes Jahr investierten wir über 400 Mill. Euro, in diesem Jahr werden es mittlere 500 bis 600 Mill. Euro sein, und für 2018 sind über 600 Mill. Euro budgetiert.- Auf dem Kapitalmarkttag haben Sie angekündigt, nach Akquisitionen Ausschau zu halten. Darüber hinaus versprachen Sie, den Aktionären Geld zurückzugeben, sollten keine signifikanten Akquisitionen gelingen. Was verstehen Sie in diesem Zusammenhang unter signifikant?Der Punkt ist, dass wir in den nächsten fünf Jahren einen Mittelzufluss nach Abzug der Investitionen von kumuliert 5 Mrd. Euro generieren wollen. Wir suchen nach ergänzenden Akquisitionen. Das wird aber wahrscheinlich keine einzelne Großakquisition sein. Entscheidend ist, dass jedwede Akquisition wertschaffend ist, was im gegenwärtigen Umfeld nicht ganz einfach ist. Wir haben eine Liste mit mehr als 400 potenziellen Akquisitionskandidaten. Es geht dabei vor allem um den CAS-Bereich, für den wir nach neuen Technologien und Märkten Ausschau halten.- Und was bedeutet dann signifikant?Wir schauen, wie weit wir in 24 Monaten sind. Sollten wir dann noch Geld übrig haben, werden wir es an die Aktionäre zurückgeben.- Grundsätzlich gibt es zwei Wege, Geld zurückzugeben – entweder kauft man Aktien zurück, oder man schüttet eine Sonderdividende aus. Was präferieren Sie?Zwei Drittel der Analysten würden den Rückkauf von Aktien bevorzugen, ein Drittel votiert für eine Sonderdividende. Das hängt vor allem mit steuerlichen Gründen zusammen. Den Aktienrückkauf halte ich allerdings für die zweitbeste Lösung, weil das unseren Streubesitz reduziert …- … und die Aussicht auf den Einzug in den Dax vereiteln könnte.Genau. Daher würde ich persönlich die Ausschüttung einer Sonderdividende bevorzugen. Dabei sollte man nicht vergessen, dass wir eine progressive Dividendenpolitik verfolgen.- Die Ankündigung, dass Sie Ihren im Herbst 2018 auslaufenden Vertrag nicht verlängern lassen, kam sehr frühzeitig. Machen Sie sich dadurch nicht zur “lame duck”?Nein, ich bin keine lame duck. Der Grund für die frühzeitige Nachfolgeregelung ist, dass ich einen geordneten Übergang anstrebe. Es ist Teil meiner Aufgabe, dem Aufsichtsrat einen geeigneten Nachfolger zu präsentieren, und das habe ich getan. Bis zum Wechsel haben wir allerdings eine klare Aufgabentrennung, auch wenn ich manche Aufgaben schon delegiere, beispielsweise die nächste Stufe der Strategieentwicklung im Herbst. Grundsätzlich aber ist Markus Steilemann für das operative Geschäft zuständig und ich für die Strategie und derzeit auch für die Finanzen. Solange die Aufgabentrennung klar ist, besteht kein Risiko, zur lame duck reduziert zu werden.- Offensichtlich gab es im Vorstand jedoch einen Machtkampf. Nicht ohne Grund trat Finanzvorstand Frank Lutz kurz nach Bekanntgabe der Nachfolgereglung zurück. Können Sie das kommentieren?Das war seine persönliche Entscheidung. Er hatte sich dafür entschieden, zu Covestro zu kommen und den Börsengang zu managen. Er ist der beste Finanzvorstand, mit dem ich in meiner Laufbahn zusammengearbeitet habe. Seine Entscheidung, das Unternehmen zu verlassen, ist ein echter Verlust. Doch ich respektiere seine Entscheidung.- Bis wann wird der neue Finanzvorstand ernannt werden?Wir suchen sowohl intern als auch extern. Es gibt eine Shortlist, der Auswahlprozess läuft. Ich hoffe, dass wir noch in diesem Jahr in der Lage sind, den neuen Finanzvorstand zu bestellen.—-Das Interview führte Annette Becker.