Der neue Novartis-Chef reißt die Fenster auf

Vasant Narasimhan will den Konzern durchlüften und eine "kulturelle Transformation" einleiten

Der neue Novartis-Chef reißt die Fenster auf

Von Daniel Zulauf, ZürichSieben Jahre nach dem Rücktritt von Daniel Vasella und dem Interregnum des Betriebswirtschafters und Marketingspezialisten Joseph Jimenez übernimmt mit Vasant Narasimhan wieder ein gelernter Mediziner die operative Leitung des Pharmamultis Novartis.Der 41-jährige Amerikaner mit indischen Wurzeln trat gestern in seiner neuen Rolle erstmals an die Öffentlichkeit. Angst vor der großen Managementaufgabe hat der Senkrechtstarter offensichtlich keine. Novartis habe einen Kulturwandel nötig, sagte er auf der Jahresmedienkonferenz in Basel. Die Zeit sei gekommen, das Unternehmen zu entbürokratisieren. Innovative Ideen sollten fortan mehr von unten statt von oben kommen. Dafür seien inspirierte und selbstverantwortliche Mitarbeiter nötig. In dem mehr als 120 000 Köpfe zählenden Personal sei das nötige Talent vorhanden.Man hätte diese Bemerkungen durchaus auch als Kritik an der Arbeit des scheidendenden CEO auffassen können. Doch “Vas”, wie sich der Neue selbst nennt, war geschmeidig genug, seine Ziele als natürliche Fortsetzung der 21-jährigen Geschichte von Novartis darzustellen.Vasella habe aus den beiden Industrieunternehmen Ciba-Geigy und Sandoz ein breit diversifiziertes Gesundheitsunternehmen geschaffen. Unter Jimenez sei die Zusammenarbeit gefördert und die Spezialisierung vorangetrieben worden. Nun gehe es auf einer nächsten Stufe der Integration vor allem darum, die Möglichkeiten der Digitalisierung zu nutzen und die Konturen weiter zu schärfen. WachstumsphaseDie Gelegenheit für solche Veränderungen ist offenbar günstig, denn Novartis steht im Urteil von Jimenez am Anfang einer neuen Wachstumsphase. Zwar hielt sich das Umsatzwachstum von 1 % auf 49 Mrd. sfr im vergangenen Jahr in engen Grenzen, und im laufenden Jahr wird eine Beschleunigung auf höchstens 5 % (zu konstanten Wechselkursen) erwartet. Doch für die darüber hinausgehenden Jahre zeigt sich Novartis zuversichtlich, zumal die jährlichen Umsatzverluste nach dem Patentablauf des Leukämiepräparates Glivec rein rechnerisch kleiner werden. Der nächste große Blockbuster Gilenya wird erst 2020 den Patentschutz verlieren. Das MS-Medikament ist mit einem Umsatz von 3,2 Mrd. Dollar zudem deutlich kleiner als Glivec. Die Uhr scheint also für Narasimhan zu laufen. Das zeigt sich auch daran, dass man sich bei dem Entscheid über die Zukunft der rekonvaleszenten Augenheiltochter Alcon nun mehr Zeit als ursprünglich erwartet geben will. Alcon weist zwar wieder steigende Verkaufszahlen aus, doch die Firma, die Vasella einst für über 50 Mrd. Dollar eingekauft hatte, produziert weiter Verluste. Die sich abzeichnende positive Entwicklung müsse über mehrere Quartale hinweg bestätigt werden, sagte Narasimhan. Man werde frühestens Mitte 2019 eine defintive Entscheidung treffen, ob und wie Alcon verkauft werden solle. Preiskampf tobtSchwierige Fragen stellen sich auch bei Sandoz, der Tochter für Nachahmermedikamente. Die Division weist rückläufige Verkaufszahlen und ein sinkendes Ergebnis aus. Schuld sei das Geschäft mit Kopien von einfachen Pillen und Pülverchen in den USA. In dem Markt tobt ein heftiger, von der Gesundheitsbehörde durchaus gewollter Preiskampf, der viele Anbieter, darunter auch Sandoz, zum Ausstieg zwingen könnte. Für Sandoz geht es immerhin um einen Jahresumsatz von 1,5 Mrd. Dollar oder 15 % der Gesamtverkäufe. Dass Novartis das vergangene Jahr mit einem um 15 % gestiegenen Reingewinn beenden konnte, verdanken die Schweizer aber in erster Linie ihrem britischen Joint-Venture-Partner GSK, der das 2015 übernommene Geschäft mit rezeptfreien Medikamenten zu einem hochrentablen Geschäft umbaut.Novartis hat im Berichtsjahr aus dem 36,5 %-Anteil an dem Gemeinschaftsunternehmen einen Gewinn von 629 Mill. Dollar gezogen – fast dreimal mehr als im Vorjahr. An einen Verkauf denkt derzeit niemand. Das Potenzial sei noch nicht ausgeschöpft, erklärte Narasimhan. Bei den Aktionären kommt er mit seiner ersten Generaldiagnose ähnlich gut an wie damals Vasella vor 21 Jahren. Beide rissen als Erstes die Fenster auf, im Wissen, dass frische Luft die Leistungsfähigkeit steigert. Die Novartis-Aktien legten gestern 2,8 % auf knapp 86 sfr zu. Die Dividende steigt auf 2,8 sfr pro Aktie.—– Wertberichtigt Seite 6