IM INTERVIEW: ALBERT BEHLER

"Die Krise ähnelt Schock des 11. September"

Der CEO der Immobiliengesellschaft Paramount über die Coronakrise, die Risiken von Coworking und das Tech-Interesse an New York

"Die Krise ähnelt Schock des 11. September"

Die vom Hamburger Versandhaus-Unternehmer Werner Otto gegründete und an der New Yorker Börse notierte Paramount Group besitzt und verwaltet 14 Bürohochhäuser vor allem in New York und San Francisco. Von der Coronakrise ist sie direkt betroffen. Der langjährige CEO Albert Behler sieht zwar die Krisenkommunikation der US-Regierung sehr kritisch, glaubt aber dennoch an ein Comeback der US-Wirtschaft. Herr Behler, Sie mussten als Vorstandschef der Paramount Group in New York schon einige Krisen managen. Wie reagieren Sie auf den Ausbruch des Coronavirus?Die meisten Mitarbeiter in unserer Zentrale am New Yorker Broadway arbeiten von zuhause. Das ist eigentlich nicht Teil unserer Firmenkultur, weil die Präsenz im Büro Kommunikation, Zusammenarbeit und Effizienz unserer Teams fördert. Aber wir müssen die Gesundheit unserer Mitarbeiter schützen. Wir nehmen die Situation sehr ernst, vermeiden sozialen Umgang und machen Telefonkonferenzen. Paramount gehören Wolkenkratzer in den besten Geschäftsvierteln von New York und San Francisco. In New York gilt seit Sonntag eine weitgehende Ausgangssperre. Wie wirkt sich das aus?Das ist eine vernünftige Maßnahme, die unnötige soziale Kontakte reduziert. Die meisten unserer Mieter, darunter Banken oder Technologiefirmen, gehören zu den Anbietern “wesentlicher” Dienstleistungen und bleiben deswegen offen. Deren Angestellte arbeiten auch überwiegend im Home-Office. Ich habe unsere Gebäude in New York alle persönlich besucht. Das sind Hochhäuser, wo an einem normalen Werktag bis zu 10 000 Menschen ein und aus gehen. Bereits vergangene Woche waren nur noch 300 Leute im Büro, zumeist IT-Fachleute. Wie hat sich der Umgang mit Geschäftspartnern verändert?Wir schütteln keine Hände mehr und halten einen gewissen Abstand. Wir sorgen auch dafür, dass Büros und Gemeinschaftsflächen – Drehtüren, Türgriffe oder Aufzugstasten – täglich besonders gereinigt werden. Die Aktienkurse sind eingebrochen, auch die von defensiven Immobilienaktien. An der Börse herrscht Angst vor einer Rezession. Welche Konsequenzen hätte das?Es ist noch zu früh für konkrete Prognosen, weil nicht klar ist, wie lange die Krise anhält. Ich gehe davon aus, dass wir nach einer Unterbrechungsphase rasch wieder zur Normalität übergehen werden. Diese Krise ist ein externer Schock für die Wirtschaft, ähnlich wie eine Naturkatastrophe oder ein Terroranschlag. Nach dem 11. September erholte sich die Konjunktur relativ schnell. Wir hoffen, dass das auch bei der Coronakrise so ausgeht. Was ist für Paramount die größte geschäftliche Gefahr?Das größte Risiko besteht darin, dass Firmen ihre Miete nicht mehr zahlen. Wir haben aber langfristige Mietverträge und vermieten einen Großteil unserer Flächen an große Firmen mit guter Bonität – darunter der Versicherer Allianz, der Internetkonzern Google oder die Wirtschaftskanzlei Clifford Chance. Darüber hinaus gibt es in den meisten Fällen Banksicherheiten für drei bis sechs Monate, die unseren Mittelzufluss eine Weile garantieren, falls ein Mieter ausziehen müsste. Wir sind auch gegen Betriebsunterbrechungen versichert. Verstehen das die Anleger nicht?Momentan werden alle über einen Kamm geschoren. An der Börse herrscht einfach eine Riesenangst. Auch die anfänglich unberechenbare, teilweise erratische Informationspolitik der Regierung trug zu dieser Verunsicherung bei. Man kann nicht an einem Tag sagen, der Virus werde verschwinden und man leiste “großartige Arbeit” und am nächsten Tag alle Flüge aus Europa streichen. Ich gehe aber davon aus, dass Paramount-Investoren mittelfristig die hohe Qualität unserer Mieter schätzen. Ein großer Trend war zuletzt Coworking. Der bei Investoren in Ungnade gefallene Anbieter Wework wurde in New York zum größten Mieter von Büroflächen, die er renovierte und dann kurzfristig an Start-ups weitervermietete. Was passiert jetzt in der Krise?Wework wollte auch bei uns vier Etagen mieten, aber wir haben nicht einen Quadratmeter an Coworking-Anbieter vermietet. Wir haben uns Wework angesehen, aber uns gefiel weder Geschäftsmodell noch Bonität. Trotz verfügbarer Flächen sind wir diszipliniert geblieben und haben uns weiter auf sehr kreditwürdige Mieter konzentriert. Das Geschäftsmodell ist nicht rezessionssicher. Sollten jetzt viele unprofitable Start-ups pleitegehen, bekommen Coworking-Firmen Schwierigkeiten, ihre eigenen Mieten zu zahlen. Zum Ende des Jahres zieht die britische Bank Barclays bei Ihnen aus. Erschwert Corona Verhandlungen mit Nachmietern?Wir machen jetzt natürlich keine Besichtigungen mehr mit Gruppen von 20 Leuten und mehr. Aber es gibt weiterhin Interesse. Firmen müssen planen und zum Teil aus anderen Objekten ausziehen. Wir sprechen mit vier potenziellen Mietern. Vor einem Jahr hat Amazon nach politischem Widerstand die Pläne für ein zweites Hauptquartier im New Yorker Stadtteil Queens abgesagt. Jetzt kauft der Online-Händler das frühere Gebäude des Warenhauses Lord & Taylor in Manhattan – das zuletzt Wework gehörte. Expandiert Amazon nun doch in New York?Die Attraktivität von New York für potenzielle Mieter aus der Technologiebranche, die ein passendes Objekt für ihren wachsenden Flächenbedarf suchen, hat enorm zugenommen. Die jungen, gut ausgebildeten Talente, um die alle Technologiefirmen – und auch die Banken – konkurrieren, wollen in attraktiven Städten wie New York oder San Francisco leben. Unser Geschäft ist aus gutem Grund auf diese beiden Märkte fokussiert. In San Francisco, wo Google und der Software-Anbieter Autodesk zu unseren Mietern gehören, haben wir 2019 drei Objekte erworben. Hätte Amazon mehr Geduld mit den New Yorker Politikern haben sollen?Amazon hat mit dem Rückzug aus Queens ein Eigentor geschossen und muss jetzt aufholen. Im vergangenen Jahr entfiel ein Viertel aller Neuvermietungen in Manhattan auf die Technologiebranche. Die Firmen haben erstmals die Finanzwirtschaft als größten Nachfragetreiber im Geschäftsimmobilienmarkt abgelöst. Bei Paramount hat sich der Anteil der Technologieunternehmen an den Mietern in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt. Auch einer der Interessenten für unsere Barclays-Flächen kommt aus der Technologiebranche. Moderne Bürotürme in Manhattan passen aber nicht ganz ins Bild von hippen Tech-Firmen.Früher wollten die Unternehmen alle in ältere, romantische Objekte. Aber als ausgewachsenes Unternehmen brauchen sie ein gut funktionierendes Gebäude mit großen Etagen, wo sie viele Menschen unterbringen und wachsen können. Dazu kommt eine gute Verkehrsanbindung und robuste Infrastruktur, wie sie unsere Gebäude bieten. Werden Menschen wieder in Büros zurückkehren, wenn sich Heimarbeit in der Krise bewähren sollte?Das Arbeiten von zuhause wird gerade in Extremform getestet. Aber nichts ersetzt den direkten Kontakt mit Kollegen und Geschäftspartnern. Die räumliche Distanz, die die Pandemie gerade erzwingt, dürfte sich aber trotzdem auf die Arbeitswelt auswirken. Wie genau?In den vergangenen Jahren wurden Büroflächen immer weiter optimiert, der Platz für die einzelnen Mitarbeiter geringer. Ich glaube nicht, dass die Leute nach Corona weiter so dicht zusammensitzen wollen wie bisher. Das könnte den Bedarf an Büroflächen sogar noch vergrößern. Das Interview führte Norbert Kuls.