Digitaler Jackpot für Bildungsbürger
Digitaler Jackpot für Bildungsbürger
Livestreaming ist der große Zeitvertreib im turbodigitalen China. Abermillionen von Menschen verbringen Stunden damit, an unzähligen Liveinternetshows von chinesischen Schmalspurentertainern zu partizipieren, die nicht nur Zeit, sondern meist auch Geld kosten. In der Regel geht es um alberne Showdarbietungen von hübschen Hostessen oder männlichen Hosts, die das Publikum mit Livechats oder Frage-und-Antwort-Spielen so weit bei Laune halten, dass sich die Streamer zur Vergabe von digitalen Geldgeschenken animiert fühlen.Chinas hyperwachsame Internetregulatoren haben vielen dieser Foren einen Riegel vorgeschoben. Zum einen, weil die “Wanghong” genannten Internetsternchen meist mit freizügigen Outfits und anderen Formen der sublimierten Sexualität ihr Publikum locken und damit bei Vorstellungen von sozialer Hygiene anecken. Zum anderen, weil man befürchtet, dass Zuschauer einem Livestreaming-Suchtrausch verfallen und sich dabei ausplündern lassen. *Da in einem neuen Jahr bekanntlich immer alles besser wird, bringt 2018 neue Form des Livestreaming-Entertainments hervor, bei denen die Teilnehmer weniger mit blinder Fanverehrung, sondern geballtem Fachwissen und guten Bildungsgrundlagen bei Ratespielen glänzen sollen und dabei sogar Geld verdienen können. Wie aus dem Nichts sind im Januar chinesische Livestreaming-Quizshows aufgepoppt, die das Netzpublikum mit hohen Cashpreisen für richtige Antworten locken. Die bei den meist halbstündigen Quizshows ausgereichten Jackpots erreichen mittlerweile Summen zwischen 1 Mill. und 5 Mill. Yuan (rund 130 000 bis 640 000 Euro) und elektrisieren damit Chinas digital aufgeschlossenes Bildungsbürgertum.Das Format ist denkbar einfach. Die Showhosts, bei denen es sich wiederum meist um chinesische Celebrities handelt, werfen mit einiger gekonnter Dramaturgie nach und nach zehn Fragen in den Raum. Wer sie alle richtig beantwortet, wird mit den fetten Preisgeldern belohnt.In den letzten Wochen haben ein gutes Dutzend von chinesischen Internetanbietern ihre Apps mit Livequiz-Buttons bestückt. Allein bei der Plattform Hujia hat man im Januar über 300 Millionen Teilnehmer gezählt. Dank Chinas allgegenwärtiger sozialer Medienplattform Wechat und ihren Chatgruppen können sich Freundeskreise zusammenschließen und die Quizshows gemeinsam angehen. Die große Herausforderung besteht lediglich darin, mal wieder Kontakt zu den klügsten Klassenkameraden und Mitstudenten von einst zu finden, um mehr Brainpower in den Quizpool zu bringen. *Anders als bei Lotterien können die über Gratis-Apps laufenden Quizshows zwar keine Einnahmen aus Losverkäufen erzielen, aber die neuen Quizshows bringen so viele Nutzer für eine halbe Stunde mit garantiert hoher Aufmerksamkeitsspanne ins Netz, dass sich glänzende Vermarktungschancen mit eingestreuten Werbesequenzen und Produktplatzierungen ergeben. Letzteres funktioniert etwa über die Dekorierung der Livestreaming-Bühnen. Und man kann natürlich auch mit der Auswahl der Fragen konsumlastige Komponenten einbauen etwa von der Sorte: Was ist die in China mit Abstand beliebteste und bestverkaufte Zahnpastamarke, Reispuddingmarke etc.Für Alleswisser und Bildungsmonster müsste die Quizwelle gewaltige Verdienstmöglichkeiten mit sich bringen. Anders als bei der altbekannten Fernseh-Quizshow “Wer wird Millionär?”, wo man allein für den großen Preis antritt, bringen Quizshows mit zig Millionen Teilnehmern aber auch eine Flut von Gewinnern mit sich, die alle Fragen richtig beantwortet haben und sich den Jackpot teilen müssen. Das kann man leicht an Wechat-Einträgen nachvollziehen, wo Quizkönner mit Siegen prahlen, um dann aber festzustellen, dass die ihnen eigentlich wohlbekannten Gesetze der Wahrscheinlichkeitsrechnung bei Millionen von frischgebackenen Quizshowfreaks aus den Millionen-Jackpots Pro-Kopf-Gewinne von meist nur 20 bis 50 Yuan herausspringen lassen.