Foxconn lebt in Wisconsin den American Dream
Foxconn lebt in Wisconsin den American Dream
Von Stefan Paravicini, New YorkFoxconn-Chef Terry Gou ist ein Mann ganz nach dem Geschmack von Donald Trump. Mit der Ankündigung, bis zu 10 Mrd. Dollar in eine neue Fabrik im US-Bundesstaat Wisconsin zu investieren, in der am Ende bis zu 13 000 Mitarbeiter mit der Herstellung von LCD-Displays beschäftigt sein könnten, hat der Gründer und CEO des weltgrößten Zulieferers der Elektronikindustrie dem US-Präsidenten in der vergangenen Woche nach etwas mehr als sechs Monaten im Amt eine der bisher besten Schlagzeilen geliefert (vgl. BZ vom 28. Juli). Und wer weiß, vielleicht kommt alles noch viel besser. Trump liebt große Zahlen”Sie wollen 10 Mrd. Dollar investieren”, erklärte Trump am Mittwoch bei einer Veranstaltung vor mittelständischen Unternehmern im Weißen Haus. “Aber er hat mir ,off the record` gesagt, dass er glaubt, es könnten am Ende 30 Mrd. Dollar sein”, sagte der US-Präsident. “Stellen Sie sich das vor, er könnte 30 Mrd. Dollar investieren”, rief Trump den Unternehmern begeistert zu. “Aber ich habe ihm versprochen, dass ich das niemandem weitersagen würde”, erklärte Trump unter Gelächter des Publikums.Beobachter von Gou würden wohl auch große Wetten darauf abschließen, dass der Unternehmer weder 30 Mrd. Dollar noch 10 Mrd. Dollar in Wisconsin investieren wird. Foxconn wäre heute jedenfalls nicht das, was es ist, hätte der Mann an der Spitze über die Jahre immer wieder eigenes Geld in teure Fabriken gesteckt, um Politiker bei Laune zu halten. Vielmehr ist es Gou wiederholt gelungen, die politisch Verantwortlichen mit grandiosen Plänen zu betören, die sich aber bald zerschlugen, sofern die öffentliche Hand nicht einen Teil der Zeche bezahlte.In diesem Jahr hat Gou auch in Indien Investitionen über 5 Mrd. Dollar angekündigt. Weitere 3,6 Mrd. Dollar will Foxconn in Kunshan in China investieren und noch einmal 8,8 Mrd. Dollar in Guangzhou. Zusammen mit den versprochenen Investitionen in Wisconsin läuft das auf 27 Mrd. Dollar hinaus. Das ist mehr, als Foxconn in den vergangenen 23 Jahren investiert hat. Die Fabrik im Mittleren Westen der USA allein kostet mehr, als der Konzern über die vergangenen fünf Jahre investiert hat (siehe Grafik).Vor drei Jahren hatte Gou in Jakarta, der Hauptstadt von Indonesien, eine neue Fabrik für 1 Mrd. Dollar angekündigt, die nie gebaut wurde. Im US-Bundesstaat Pennsylvania wollte Foxconn 2013 eine Hightech-Fabrik errichten, von der es bis heute keine Spur gibt. Sicherstes Indiz, dass der Fabrik in Wisconsin ein ähnliches Schicksal erspart bleiben wird, sind die gemachten Zusagen der Regierung des Bundesstaates. Gouverneur Scott Walker, der sich vor etwas mehr als einem Jahr noch mit Donald Trump um die Nominierung als Präsidentschaftskandidat der Republikaner stritt, hat Foxconn Steuererleichterungen in Höhe von 3 Mrd. Dollar versprochen.Foxconn, die unter anderem Smartphones im Auftrag von Apple fertigt, erhält damit pro Einwohner des Bundesstaates rund 514 Dollar. Das würde reichen, um jedem Bürger Wisconsins ein iPhone zu kaufen. Halten alle Beteiligten ihre Versprechen ein, bezahlt die öffentliche Hand 230 000 Dollar für jeden der 13 000 Jobs in der neuen Fabrik. Bleibt es bei den 3 000 Mitarbeitern, die in der Anfangsphase in der Fabrik beschäftigt sein werden, steigen die Kosten auf glatt 1 Mill. Dollar pro Job. “Das ist vergleichbar mit jeder anderen Initiative im Rahmen eines so großen Projekts überall auf der Welt”, erklärte Gouverneur Walker, der sich im Standortwettbewerb um Foxconn gegen ein halbes Dutzend anderer Bundesstaaten durchsetzte, bei der Unterzeichnung eines Memorandum of Understanding mit Foxconn. Es handle sich um das größte Projekt für die wirtschaftliche Entwicklung in der Geschichte des Bundesstaates.Walker habe sich bei der Verfolgung dieses Vorhabens als ein sehr hartnäckiger Verhandler erwiesen, erklärte Gou zur Begründung der Standortentscheidung. Die Arbeitsethik der Menschen im Mittleren Westen habe ihm ebenfalls gefallen, sagte der Foxconn-Chef bei dieser Gelegenheit. Wo genau die Fabrik entstehen wird, ist noch nicht entschieden, Foxconn hat aber zwei Standorte in den Counties Kenosha und Racine im Auge, die beide im Wahlbezirk von Paul Ryan, dem Sprecher des Repräsentantenhauses, liegen. Im selben County betreibt der Online-Händler Amazon ein großes Verteilzentrum, und auch U-Line, die Verpackungsmaterialien im ganzen Land vertreibt, unterhält hier ein große Lagerhaus. Bakken für Wis-Foxconn-sinBleibt deshalb die Frage, wer in Kenosha eigentlich für Foxconn arbeiten wollte. Die Arbeitslosenquote in Wisconsin liegt bei 3,1 % auf dem tiefsten Stand seit 1999. “Das könnte für uns die gleiche Bedeutung haben wie die Bakken-Formation für North Dakota”, erklärt Kurt Bauer, Präsident der Wisconsin Manufacturers & Commerce Group, der nur noch von “Wis-Foxconn-sin” spricht, in Erinnerung an die Beschäftigungseffekte des jüngsten Erdölbooms weiter im Nordosten. Die neue Fabrik soll nicht nur neue Arbeitskräfte anziehen, sondern weitere Jobs im Dienstleistungssektor schaffen. Ob der American Dream für Wisconsin aufgeht? Terry Gou hat ihn jedenfalls bereits gefunden, und was noch viel wichtiger ist: Donald Trump glaubt auch daran.