IM INTERVIEW: WOLFGANG SCHÄFER

Für Conti ist 2020 Jahr der Talsohle

Finanzchef: Transformationsprogramm bringt spürbare Verbesserungen - Plan für Vitesco-Abspaltung gilt

Für Conti ist 2020 Jahr der Talsohle

Mit einer enttäuschenden Ergebnisprognose sieht Continental dem weiteren Verlauf des Geschäftsjahres entgegen. 2020 soll das Jahr der Talsohle sein. Finanzvorstand Wolfgang Schäfer verspricht sich von den 2019 eingeleiteten Maßnahmen zur Kostensenkung mittelfristig spürbare Verbesserungen. Herr Schäfer, mit Ihrer Umsatz- und Margenprognose für 2020 haben Sie Markterwartungen enttäuscht. Ist daran nur die aktuelle Unsicherheit aufgrund der Ausbreitung des Coronavirus schuld?Das wirtschaftliche Umfeld wird 2020 herausfordernd bleiben. Wir erwarten keine Belebung. Die erwartete Bandbreite der Entwicklung des Produktionsvolumens von Pkw und leichten Nutzfahrzeugen weltweit liegt voraussichtlich bei -2 bis -5 % im Vergleich zum Vorjahr. Diese Einschätzungen berücksichtigen die bis zum heutigen Tag erfassbaren Auswirkungen des Coronavirus auf das Produktionsvolumen. Mit der sinkenden Autoproduktion geht auch der Auftragseingang in Ihrer Automotive-Sparte zurück – 2019 sank er um 7 Mrd. auf 33 Mrd. Euro.Der Rückgang beruht im Wesentlichen auf zwei Faktoren. Zum einen korrespondiert der Auftragseingang mit deutlich geringeren Marktzahlen als vor Jahresfrist. Auf die pessimistischere Einschätzung der Autoproduktionszahlen in den nächsten Jahren ist ja auch die hohe Wertberichtigung zurückzuführen, die 2019 einen Nettoverlust von 1,2 Mrd. Euro verursachte. Wir haben unsere Annahmen für die weltweite Autoproduktion in den kommenden Jahren um bis zu 15 % gegenüber den Annahmen von Ende 2018 zurückgenommen. Das schlägt sich auch in den Auftragseingängen nieder. Zum anderen haben die Autohersteller im vergangenen Jahr den einen oder anderen Auftrag nicht vergeben oder verschoben. Wir gehen davon aus, dass die meisten von diesen Aufträgen 2020 ankommen werden. Erfreulich ist aber, dass in Bereichen, in denen wir wachsen wollen wie im Bereich der Fahrerassistenzsysteme, der Auftragseingang 2019 doppelt so hoch ausfiel wie der Umsatz. Im Powertrain-Bereich lag der Auftragseingang sechsmal über den Umsatzerlösen, und auch im Interior-Bereich konnten wir für die Hochleistungscomputer neue Aufträge gewinnen. Mit welcher Entwicklung beim Auftragseingang der Automotive-Sparte ist 2020 zu rechnen?Dazu machen wir im Rahmen unserer Guidance keine Angaben. Hat die Coronakrise Auswirkungen auf die geplante Abspaltung Ihrer Antriebssparte in diesem Jahr?Nein. Wie beurteilen Sie die Aussichten für die Antriebssparte?Der Bereich, der inzwischen eigenständig ist und Vitesco Technologies heißt, ist mit der Fokussierung auf Elektronik und Elektrifizierung hervorragend aufgestellt. Rund 60 % des Vitesco-Geschäfts machen schon heute die Elektronik- und Softwareaktivitäten aus. Damit unterscheidet sich das Unternehmen von den meisten anderen Zulieferern im Power-train-Bereich. Aufbauend auf dieser Stärke kann Vitesco das Elektrifizierungsgeschäft im Zuge des Wandels der Autoindustrie mit einem differenzierenden Faktor vorantreiben. Wir sind überzeugt, dass Vitesco auch in einem schwierigeren Marktumfeld abgespalten werden und sich erfolgreich im Wettbewerb schlagen kann. Die Conti-Hauptversammlung wird grünes Licht für die Abspaltung im zweiten Halbjahr geben?Ja, davon gehe ich aus. Die Entscheidung des Aufsichtsrats ist der nächste erforderliche Schritt für einen Spin-off von Vitesco. Die Zustimmung des Gremiums vorausgesetzt, könnte den Continental-Aktionären der Spin-off zur Abstimmung im Rahmen der Hauptversammlung Ende April dieses Jahres vorgelegt werden. Der Powertrain-Bereich hatte 2019 mit 0,7 % erneut die niedrigste bereinigte Ebit-Marge aller Sparten von Conti. Welche Rendite halten Sie für möglich?Der Powertrain-Bereich hatte Sondereffekte zu verarbeiten, die das Ergebnis 2019 belasteten. Die Situation sollte sich 2020 wieder verbessern. Schon allein mit dem Blick auf den Auftragseingang vergangenes Jahr für Hybrid- und Elektrofahrzeuge, der bei rund 1,8 Mrd. Euro lag, lässt sich absehen, dass Vitesco Technologies mittelfristig eine attraktive Umsatzrendite erreichen kann. Was ist möglich?Zu den Aussichten wird sich das Vitesco-Technologies-Management am dafür geplanten Kapitalmarkttag am 23. März äußern. Wird 2020, was die Ergebnisentwicklung Ihres Konzerns angeht, das Jahr der Talsohle sein?Ja, wir sprechen von einem Übergangsjahr. Mittelfristig wird unser Programm “Transformation 2019-2029” spürbare Verbesserungen zeigen, davon sind wir überzeugt. Was stimmt Sie zuversichtlich?Bereits heute machen wir 70 % unseres Umsatzes im Automotive-Bereich mit Elektronik, Software und Sensorik. Bald werden es 80 % sein. Wir sind also sehr gut aufgestellt für die Wachstumsbereiche der Zukunft. 2015 stellten Sie einen Umsatz über 50 Mrd. Euro für 2020 in Aussicht. Das Ziel wird nun verfehlt. Wann ist es so weit?Das Ziel haben wir genannt, bevor die Automobilmärkte einbrachen sowie bevor wir den Konzernumbau und die neuen Pläne für das Powertrain-Geschäft beschlossen haben. Wann wir die Marke von 50 Mrd. Euro erreichen werden, lässt sich heute nicht absehen. Das Interview führte Carsten Steevens.