Heidelberg Cement setzt Prognose aus

Drei Werke in der Lombardei stehen still - Erste Bauprojekte in USA gestoppt - Spielraum bei Liquidität - "So gut gestartet wie selten"

Heidelberg Cement setzt Prognose aus

Nach starkem Start in den ersten beiden Monaten des laufenden Geschäftsjahres droht der Baustoffkonzern Heidelberg Cement zusehends in den Sog der Coronakrise zu geraten. In West- und Südeuropa sowie den USA zeigen sich erste Auswirkungen. Auch in einigen asiatischen Märkten sinkt der Absatz.hek Frankfurt – Aufgrund der raschen Ausbreitung des Coronavirus streicht der Baustoffhersteller Heidelberg Cement seinen Ausblick für 2020. “Die massiven Maßnahmen zur Eindämmung des Virus erfordern fortwährende Anpassungen bei der operativen Steuerung unserer Geschäfte”, sagt der neue Vorstandschef Dominik von Achten. “Wir müssen die Situation von Tag zu Tag neu bewerten.” Derzeit sei nicht abschätzbar, wie lange die Vorsorgemaßnahmen anhalten würden und welche Auswirkungen auf die Bautätigkeit in den einzelnen Ländern zu erwarten seien. Daher sei ein seriöser Ausblick auf das Geschäftsjahr 2020 gegenwärtig nicht möglich. Bisher waren die Heidelberger davon ausgegangen, dass Geschäftsergebnis und Umsatz im Vergleich zu 2019 leicht steigen werden.Vor diesem Hintergrund stoppt der hinter LafargeHolcim zweitgrößte Zementhersteller weltweit verzichtbare Investitionen, verhängt einen Einstellungsstopp und prüft Kurzarbeit und unbezahlten Urlaub. Priorität habe die Cash-Erhaltung. Die für den 7. Mai geplante Hauptversammlung wird verschoben. Denn die Behörden in Baden-Württemberg haben alle Veranstaltungen vorerst bis 15. Juni untersagt. Die Aktionäre sollen eine um 0,10 auf 2,20 Euro erhöhte Dividende erhalten. Aktie sackt weiter abAn der Börse kam die Prognoseaussetzung schlecht an. Der Dax-Titel sackte am Donnerstag weiter um 6 % auf 30,22 Euro ab. Seit Mitte Februar ist der Kurs um gut die Hälfte geschrumpft. Die Commerzbank moniert, dass die wesentlichen Fragen zum Einfluss der Coronakrise weiter offen seien. Es sei mit massiven nachteiligen Nachfrageeffekten vor allem in Europa zu rechnen. Eine weitere Unsicherheit sei die mögliche Schließung von Produktionsstätten. Die Schweizer Großbank UBS verweist auf die Liquiditätsposition, die sehr gut aussehe. Auch die US-Bank J.P. Morgan hebt den beträchtlichen Spielraum an liquiden Mitteln hervor.Die Zuspitzung der Coronakrise folgt auf einen starken Jahresbeginn. Die Situation sei skurril, meint von Achten: “Wir sind so gut gestartet wie selten zuvor und haben das hohe Vorjahresniveau noch übertroffen.” Der Absatz von Zement, Zuschlagstoffen und Transportbeton sei im Januar und Februar gestiegen, und auch das Ergebnis sei “prima” ausgefallen. Inzwischen seien in den USA erste Bauprojekte in Boston, San Francisco und Pennsylvania gestoppt worden. “Das wird auch in anderen Teilen der USA passieren”, glaubt von Achten. In West- und Südeuropa gehe der Absatz seit dieser Woche zurück, vor allem in Italien, Frankreich und Spanien. In Asien sei das Bild uneinheitlich: Steigenden Volumina in Indien und Thailand stünden Rückgänge in China, Indonesien und Australien gegenüber.In Italien, das besonders stark von der Corona-Pandemie betroffen ist, kommt der Konzern auf 600 Mill. Euro Umsatz und 1700 Mitarbeiter. In der Lombardei stehen drei Werke still, alle anderen seien noch in Betrieb, sagt von Achten. Das nach der Italcementi-Übernahme stark defizitäre Geschäft in Italien sei inzwischen positiv. Sieben InfizierteIn der Heidelberg-Cement-Gruppe selbst haben sich bisher sieben Mitarbeiter in Italien, Benelux und Nordeuropa infiziert, die Hauptverwaltung sei nicht betroffen. Für alle Werke und Geschäftsbereiche seien Notfallpläne aufgestellt worden, doch bisher gebe es in den meisten Ländern keine nennenswerten Auswirkungen auf die Bauindustrie.Von Achten und CFO Lorenz Näger, der die Konzernfinanzen bereits durch die Wirren der Finanzkrise steuerte, heben den hohen Cash-flow und den “beträchtlichen Liquiditätsspielraum” zur Bewältigung der Coronakrise hervor. Cash-Position und freie Kreditlinien beliefen sich auf 6,5 Mrd. Euro. Für 2020 sei keine Anleihebegebung geplant, ablaufende Schuldverschreibungen würden aus dem Barmittelbestand zurückgezahlt. Rückenwind komme von den gesunkenen Energiepreisen. “Das sehen wir schon im Ergebnis”, sagt von Achten.Der 2019er-Jahresüberschuss gab um 3 % auf 1,24 Mrd. Euro nach. Der Verkauf des Ukraine-Geschäfts hat laut Näger das Nettoergebnis mit 143 Mill. Euro Währungsverlust belastet. Die um Einmaleffekte bereinigte Rechnung zeigt einen Anstieg des Gewinns je Aktie um 23 % auf 6,40 Euro. Heidelberg Cement hat den Angaben zufolge eine Prämie von 0,3 % auf die Kapitalkosten verdient.