NOTIERT IN LONDON

Heiliges Knallbonbon

Sind Dessert Bars für die zunehmende Fettleibigkeit britischer Kinder verantwortlich? Ketten wie Creams, Kaspa's oder Treatz expandieren rasant und bieten nicht nur dem Nachwuchs die Gelegenheit, auf die Schnelle 1 000 Kalorien zusätzlich...

Heiliges Knallbonbon

Sind Dessert Bars für die zunehmende Fettleibigkeit britischer Kinder verantwortlich? Ketten wie Creams, Kaspa’s oder Treatz expandieren rasant und bieten nicht nur dem Nachwuchs die Gelegenheit, auf die Schnelle 1 000 Kalorien zusätzlich einzuwerfen – etwa mit einer “Banoffee & Nutella Waffle” oder einer der zahllosen anderen Erscheinungsformen, die eine Überdosis Fett und Zucker annehmen kann. Die Tugendwächter des Gesundheitssystems NHS setzen die Obergrenze für Zucker, der nicht ohnehin schon in Milch, Obst oder Gemüse enthalten ist, für Menschen ab elf Jahren bei 30 g täglich an. Einer von Channel 4 befragten Ernährungswissenschaftlerin zufolge kommt man mit nur einem “Nutty Banoffle” von Creams locker auf das Doppelte.Allerdings ist die süße Revolution schon eine ganze Weile im Gange. Beim börsennotierten Online-Bringdienst Just Eat gehören Desserts zu den Kategorien, die das größte Wachstum aufweisen. In vielen Restaurants steht inzwischen eine Dessertauswahl auf der Karte. Es muss ja nicht gleich ein Besuch an der Nachtischtheke im Pollen Street Social sein, dem viel gerühmten Lokal des Starkochs Jason Atherton. Im April 2016 erschien das Buch “Pride and Pudding”, in dem Regula Ysewijn die Geschichte der britischen Desserts erzählt. Ebenfalls im Frühjahr vergangenen Jahres öffnete im Hotel Café Royal am Piccadilly Circus das erste Restaurant in Großbritannien die Pforten, in dem der Schwerpunkt auf Desserts lag. Sarah Barber, Executive Pastry Chief des Nobelhotels, die über rund zwei Jahrzehnte Branchenerfahrung verfügt, stellte dort mehrgängige Nachtisch-Menüs zusammen, für die sie mit einem herzhaften Einstieg den Boden bereitete. Nach einem Chefwechsel des Hotels gibt es dort allerdings auch wieder ganz reguläres Frühstück, Mittag- und Abendessen.Zu den interessanteren Angeboten süßer Snacks gehört Bubblewrap in Chinatown. In Hongkong war man nur ungern dazu bereit, zerbrochene Eier einfach zu entsorgen. Daraus entstand in den fünfziger Jahren das Geschäft mit Eierwaffeln, wie sie dieser Laden in der Wardour Street anbietet. Er hat auch eine würzige Variante mit Avocado im Angebot, aber Namen wie “Fudge Lover” oder “Oreo Crunch” zeigen, wo der Schwerpunkt liegt. *Im britischen Weihnachtsgeschäft werden die Töne schriller. Schon seit einiger Zeit wird von christlichen Fundamentalisten der Vorwurf erhoben, Einzelhandel und Konsumgüterhersteller ließen Vokabeln wie Weihnachten und Ostern unter den Tisch fallen, um andersgläubige Kunden nicht vom Kauf von Schokoladeneiern oder Baumschmuck abzuhalten. Die börsennotierte Bäckereikette Greggs kam nicht umhin, sich für Bilder einer Krippe zu entschuldigen, in der ein Würstchen im Teigmantel das Christkind ersetzt. Im Internet kursieren Boykottaufrufe von Gläubigen, deren Gefühle durch die Werbung für den ersten Adventskalender des Hauses verletzt worden waren. Interessanterweise hielten zwei Drittel der Leser der Online-Ausgabe des konservativen Telegraph die “Sausage Roll” für eine hinzunehmende Darstellung des Heilands. Der mit 24 Pfund zu Buche schlagende Kalender ist aber nur etwas für echte Greggs-Fans. Sie finden hinter jedem Türchen einen Gutschein für ein Produkt der Bäckereikette.Noch schlimmer als Greggs erging es der Supermarktkette Tesco, die in einem ihrer Fernsehwerbespots zeigt, wie sich die unterschiedlichsten Menschen an ihrem Weihnachtstruthahn erfreuen. Zahlreiche Feinde des Islam erleichterten sich im Cyberspace, nachdem auch Frauen mit Kopftuch zu sehen waren. Die Sikhs und die Schwulen im Werbespot spielten dagegen gar keine Rolle. Neben Beschwerden, dass auf den Schachteln, in denen Tesco das traditionelle Tischfeuerwerk verkauft, nur noch Knallbonbons und nicht mehr Weihnachtsknallbonbons steht, kursierten Ängste, das Unternehmen wolle Kunden nach islamischem Ritus geschlachtete Tiere unterjubeln. Mal davon abgesehen, dass auf jedem Knallbonbon “Frohe Weihnachten” steht: Wer gerne ein Tier erwerben würde, das seinen Glaubensvorschriften entspricht, muss sich anderweitig umsehen.