67. INTERNATIONALE AUTOMOBIL-AUSSTELLUNG - SERIE: AUTOKONZERNE AUF DEM PRÜFSTAND (10) - IAA

Hyundai und Kia setzen auf "grüne" Autos

Massive Ausweitung der Modellpalette von Elektroautos bis 2020 geplant - Verkaufseinbruch in China wegen Verbraucherboykott

Hyundai und Kia setzen auf "grüne" Autos

Von Martin Fritz, TokioDas koreanische Autobauer-Duo Hyundai Motor und Kia Motors hat sich in den vergangenen Jahren dank stark verbesserter Qualität und moderneren Designs vom belächelten Billigheimer zum respektierten globalen Wettbewerber entwickelt. In der Finanzkrise mischten die Südkoreaner die Branche mächtig auf und fuhren mit einem Absatz von inzwischen knapp 8 Millionen Einheiten auf den fünften Platz der Weltliga. Seit einiger Zeit stottern die Motoren allerdings. In diesem Jahr dürfte die Gruppe zum dritten Mal in Folge ihr Absatzziel verfehlen. Auf den wichtigen Märkten China und USA gingen die Verkäufe wegen ungünstiger Modellmischungen sowie aus politischen Gründen zurück. Die Profitabilität war zuletzt selten niedrig (siehe Grafik): Im ersten Halbjahr fiel die operative Marge bei Hyundai von 6,6 auf 5,4 % und bei Kia von 5,2 auf 3,0 %. Der Nettogewinn von Hyundai schrumpfte im zweiten Quartal auf ein Fünfjahrestief. Kia rechnet im laufenden Quartal mit einem Verlust. An der Börse in Seoul notieren die Papiere von Hyundai und Kia auf Siebenjahrestiefs. Vorbild ToyotaUngeachtet der vielen Schlaglöcher hält die koreanische Gruppe an ihrer im Jahr 2014 verkündeten Strategie fest, den Erfolg mit “grünen” Fahrzeugen zu suchen. Das Vorbild heißt wie schon früher Toyota, ohne dass Manager und Ingenieure dies offiziell zugeben. Bis 2020 wollten die Koreaner hinter dem japanischen Marktführer für Hybridfahrzeuge die grüne Nummer 2 werden. Dafür kündigte man 2014 an, in den nächsten sechs Jahren insgesamt 22 Elektromodelle auf den Markt zu bringen. Darunter sollten zumindest zwei rein batteriebetriebene Elektroautos sein. Aber im August forcierte die Führung das Tempo des Wandels. Nun sollen es 31 Öko-Modelle bis 2020 werden, darunter acht vollelektrisch betriebene Fahrzeuge. Zwei davon – der Hyundai Ioniq Electric und der Kia Soul EV – sind bereits auf dem Markt.Das nächste Batterieauto der Gruppe wird ein kleiner Geländewagen sein. Bis 2021 soll auch die erste eigene Elektrolimousine unter der kürzlich separierten Luxusmarke Genesis auf die Straße kommen. Außerdem ist eine eigene Plattform für Autos mit Elektromotor geplant. Das gibt es bisher nur bei General Motors (Bolt) und Nissan (Leaf). Dazu kommen zehn Hybrid- und elf Plugin-Hybrid-Modelle. Bei der Brennstoffzelle bewegt sich Hyundai mit dem iX 35 Fuel Cell schneller als Toyota und brachte schon 2013 das erste kommerzielle Brennstoffzellenfahrzeug auf den Markt. Der Nachfolger wird für 2018 erwartet. Allerdings es soll bei nur zwei Modellen bis 2020 bleiben. Bei dieser Technologie erwarten die Koreaner offenbar keinen Durchbruch in naher Zukunft. Öko-Offensive trägt FrüchteDer Öko-Fokus hat auch schon Früchte getragen: Hyundai und Kia sind in der ersten Jahreshälfte nach eigenen Angaben zum zweitgrößten Hersteller von “grünen” Fahrzeugen geworden. Mit über 102 000 Einheiten verkauften die Koreaner in den ersten sechs Monaten fast genauso viele ganz oder teilweise elektrisch angetriebene Autos wie im ganzen Vorjahr. 14 solcher Öko-Modelle gehören zur Palette. Der ewige Dauerzweite Honda fiel mit knapp 81 000 Einheiten auf den dritten Platz zurück. Weit vorweg fuhr Toyota mit über 598 000 Stück. Hyundai-Kia verkauften 9 900 reine Elektroautos (+ 152 %) und knapp 1 800 Plug-in-Hybride (+ 136 %). Der Absatz von Hybridmotor-Modellen verdoppelte sich auf über 90 000 Stück. Damit stieg Hyundai zu einem der größten Hersteller von reinen E-Autos auf. Den Erfolg haben die Koreaner vor allem dem Modell Ioniq zu verdanken, das nach eigenen Angaben populärer als erwartet ist. In einigen Märkten übersteige die Nachfrage das Angebot. Der Ioniq Hybrid wurde von der US-Umweltschutzagentur EPA zum effizientesten Fahrzeug der Welt ohne Stecker und die rein elektrische Ioniq-Version zum effizientesten Elektroauto der Welt erklärt.Doch ausgerechnet in China – dem Markt, der Elektroautos am meisten fördert, – stehen Hyundai und Kia vor hohen Hürden. Dort bietet man bisher nur ein einziges reines Elektroauto an. Die elektrische Version des Weltmodells Elantra kam im August auf den Markt. Die geplante Absatzquote von 8 % für Null- und Niedrig-Emissions-Fahrzeuge für 2018 beträgt für Hyundai 4 800 Stück. Analysten halten dies für kaum erreichbar. Der Verband der koreanischen Autohersteller hat daher zusammen mit anderen nationalen Lobbys eine Verschiebung der Quote gefordert.Ohnehin macht China den Koreanern gerade das Leben schwer. In der ersten Jahreshälfte brachen ihre Verkaufszahlen dort um die Hälfte zum Vorjahr auf 431 000 Einheiten ein. Der Juli sah nicht viel besser aus: Hyundai verkaufte mit 70 000 Stück fast 29 % und Kia mit 20 000 Stück über 51 % weniger. Der Einbruch hat zwei Gründe: Einerseits wirkt sich ein staatlich angestachelter Boykott von koreanischen Marken und Produkten aus. Damit sollen die Verbraucher gegen die Aufstellung eines US-Raketenabwehrsystems in Südkorea protestieren, das angeblich auch den chinesischen Luftraum überwachen kann. Andererseits haben die Koreaner mit ihrem Fokus auf Kompaktwagen und Limousinen nicht genug Geländewagen-Modelle im Angebot, die in China besonders begehrt sind. Beide Trends treffen vor allem Hyundai hart, die ein Fünftel des globalen Volumens in China absetzt.Doch die Gegenoffensive hat begonnen. Es wurde eine markenübergreifende Managergruppe gebildet, die sich die Bereiche Vertrieb, Entwicklung, Design, Produkt und Markenstrategie vornimmt. Mit jeweils zwei neuen Modellen wollen Hyundai und Kia in der laufenden Jahreshälfte versuchen, die Chinesen als Kunden zurückzugewinnen. Hyundai ersetzte den chinesischen Chef des Joint Venture mit BAIC Motor und legte einen Streit über Zahlungsprobleme mit einem Zulieferer bei, der die Produktion gefährdete. Die Zulieferer erhalten nun eine Liquiditätsspritze von 250 Mrd. Won (192 Mill. Euro), damit sie die Durststrecke überstehen. Nachzahlungen an ArbeiterAber auch in der Heimat Südkorea muss das Unternehmen bremsen. Einmal sorgen die Gewerkschaften für Ärger. Mit zahlreichen Warnstreiks unterstrichen sie zuletzt ihre Lohnforderungen von rund 155 000 Won (114 Euro) monatlich mehr und einem Bonus von 30 % des Nettojahreslohns. Außerdem verlor Kia vor Gericht einen Streit um die Bezahlung von Überstunden. Laut dem Urteil muss Kia 422 Mrd. Won (311 Mill. Euro) an 27 000 Arbeiter nachzahlen. Bei der Berechnung der Überstundenlöhne zwischen 2008 und 2011 hätte Kia den gezahlten Bonus berücksichtigen müssen. Kia stellt nun 1 Bill. Won (737 Mill. Euro) für weitere Nachzahlungen zurück, plant aber, in Berufung zu gehen. Auch Hyundai hat diese Berechnungsmethode benutzt und muss daher mit Nachforderungen rechnen. Die Entscheidung sei ein “fataler Schlag” für die Wettbewerbsfähigkeit der Autoindustrie, erklärte der Herstellerverband KAMA. Dazu kommt die Sorge, dass die neue US-Regierung das Freihandelsabkommen mit Südkorea kündigt. Darunter könnten die Autoexporte nach Nordamerika leiden. Egal in welche Richtung Hyundai und Kia gerade fahren – überall sind die Straßenverhältnisse schwierig.—-Zuletzt erschienen: – SUV machen in China die Musik (8.9.)- Toyota fährt auf vielen Wegen in die Zukunft (7.9.)- Renault zielt auf Masse, PSA auf Kasse (6.9.)