Innogy zieht in England den Stecker

Stromnetzbetreiber legt in Großbritannien das Vertriebsgeschäft mit dem Konkurrenten SSE zusammen

Innogy zieht in England den Stecker

Seit Jahren kämpft Innogy im britischen Stromvertrieb mit Verlusten, Kundenschwund und der Abrechnungssoftware. Jetzt zieht Vorstandschef Peter Terium die Konsequenz und trennt sich von der Tochter Npower.cru Düsseldorf – Innogy zieht in England den Stecker. Der deutsche Stromverteilnetzbetreiber trennt sich von seinem notleidenden Stromvertriebsgeschäft in Großbritannien und legt die britische Tochter Npower mit dem Vertriebsgeschäft des britischen Konkurrenten SSE (früher Scottish and Southern Energy) zusammen. Mit addiert 11,5 Millionen Kunden wäre die Gesellschaft der zweitgrößte von insgesamt sechs Versorgern auf der Insel nach der Centrica-Tochter British Gas mit über 14 Millionen Kunden.Das geplante Gemeinschaftsunternehmen soll Ende 2018 an den Start gehen und an der Börse notiert werden, kündigte Innogy-Vorstandschef Peter Terium am Mittwoch in einer Telefonkonferenz an. Innogy werde an der neu entstehenden Gesellschaft 34,4 % der Anteile halten, SSE wolle die restlichen 65,6 % der Anteile im Zuge einer Abspaltung an die eigenen Aktionäre weiterreichen. Es wird also kein klassisches Bookbuilding geben, sondern eine Abspaltung von der SSE-Aktie.SSE erwartet mehr als 100 Mill. Pfund an Kostensenkungspotenzial aus dem Zusammenschluss. Mit der Fusion und dem Börsengang hat Innogy die Investmentbank Goldman Sachs betraut. SSE lässt sich von Credit Suisse beraten. Der Deal muss noch vom Innogy-Aufsichtsrat und der Hauptversammlung der SSE genehmigt werden. Die SSE-Aktionäre müssen bis Ende Juli über das Geschäft abstimmen. Auch die Wettbewerbsbehörden müssen zustimmen, was aufgrund der Marktposition als Nummer 2 kein Selbstläufer ist.Innogy agiert in Großbritannien über die Tochter Npower, die seit Jahren mit Verlusten, Kundenschwund und Problemen mit einer Abrechnungssoftware kämpft. Im Jahr 2015 war bereits der Vorstand ausgewechselt worden, und die Zahl der Stellen wurde um 2 400 auf 15 000 verringert. Im ersten Halbjahr 2017 fuhr Innogy im Strom- und Gasvertrieb in Großbritannien einen operativen Verlust vor Zinsen und Steuern (bereinigtes Ebit) von 12 Mill. Euro ein und verbuchte einen Erlösrückgang von 4,5 Mrd. Euro auf 3,6 Mrd. Euro. Der Buchwert von Npower liegt bei 2,1 Mrd. Pfund. Ob eine Wertkorrektur notwendig wird, ließ Terium offen. Wichtigster AuslandsmarktMit 4,7 Millionen Kunden und einem Jahresumsatz von gut 8 Mrd. Euro ist Großbritannien der wichtigste Auslandsmarkt für Innogy. Allerdings spielt der Stromvertrieb insgesamt bei Innogy im Vergleich zum Stromverteilnetzgeschäft eine stark untergeordnete Rolle. Der gesamte Jahresumsatz des Konzerns liegt bei 44 Mrd. Euro. Mit Npower verlassen also fast 20 % Umsatz den Konzern.Hintergrund der schwierigen Lage in Großbritannien ist neben dem scharfen Wettbewerb auch die politische Einflussnahme. Premierministerin Theresa May hatte Anfang Oktober angekündigt, einen Preisdeckel einzuführen. Der Markt ist hart umkämpft. Neben Innogy ist auch Eon im Strom- und Gasvertrieb vertreten. Anders als Innogy macht Eon jedoch Gewinn. Zu den Wettbewerbern zählen außerdem die Centrica-Tochter British Gas, SSE, Iberdrolas Scottish Power und der französische Versorger EDF. Zusammen bilden sie die “großen sechs”, die 85 % des Marktes abdecken.Der Kurs der SSE-Aktie büßte zeitweise 0,4 % auf 14,04 Pfund ein. Der Kurs der im MDax notierten Innogy-Aktie reagierte am Mittwoch mit einem Plus von zeitweise 1,6 % und kletterte auf das Rekordhoch von 42,26 Euro. Der Börsenwert des Konzerns hat sich damit seit der Erstnotiz im Oktober 2016 um fast 20 % auf 23,5 Mrd. Euro erhöht. Hauptaktionär ist RWE mit einem Anteil von 77 %, der perspektivisch teilweise zum Verkauf stehen könnte. “Wir sehen uns aber nicht als Übernahmekandidat”, sagte Innogy-Chef Terium. Npower liegt bei der Restrukturierung im Plan. Die operativen Abläufe verbesserten sich kontinuierlich. Aber Fakt sei auch, dass das geschäftliche und politische Umfeld in Großbritannien angespannt und der Wettbewerb hart bleibe. Scharfer Preiswettbewerb”Wir konnten Kunden teilweise nur dadurch halten, dass wir ihnen günstigere Konditionen angeboten haben”, sagte Innogy-Finanzchef Bernhard Günther schon zuvor. Zudem hätten sich die Beschaffungskosten erhöht. Die Preisanhebung bei Standardtarifen im Februar habe weitere Kundenverluste im ersten Quartal zur Folge gehabt.